Aktie unter der Lupe: Dax-Außenseiter gelobt Besserung

Aktie unter der Lupe
Dax-Außenseiter gelobt Besserung

Eine fragwürdige Bilanzpraxis und der Verzicht auf einen Finanzvorstand ließen die Aktie von MLP in Ungnade fallen. Jetzt versuchen die Heidelberger einen Neuanfang. Gelingt er nicht, ist die Aktie ganz unten durch.

FRANKFURT/M. "Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt gegen MLP-Wirtschaftsprüfer" lief gestern über die Nachrichtenticker. Vor einem Jahr hätte die Schlagzeile gereicht, um die Aktie mal wieder auf Talfahrt zu schicken. Dieses Mal verpuffte die Meldung aber, das Papier des Heidelberger Finanzdienstleisters legte bis zum Mittag in einem insgesamt schwächeren Markt sogar um ein Prozent zu. Wie passt das zusammen?

Eine Erklärung ist, dass der Bericht des Anlegermagazins "Börse Online" nicht ganz so aktuell ist, wie man glauben könnte. Auf Anfrage sagte der ermittelnde Staatsanwalt Hubert Jobski gegenüber dem Handelsblatt, "die Ausweitung der Untersuchungen auf Wirtschaftsprüfer ist schon eine ganze Weile im Gange." Bei Verfahren wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung sei es nicht unüblich, dass man auch das Verhalten möglicher Unterstützer prüfe. Bis zum Abschluss der Ermittlungen könnten noch einige Monate ins Land gehen.

Eine mögliche Anklage wegen unrichtiger Darstellung der Bilanzen hängt also weiter wie ein Damoklesschwert über MLP. Das muss man wissen, wenn man sich auf die Aktie einlässt. Andererseits gehört das in den Bereich der "Altlasten", von denen sich Vorstandschef Bernhard Termühlen und vor allem sein neuer Finanzvorstand Uwe Schroeder-Wildberg mit einem "Befreiungsschlag" trennen wollen. Vollkommen überraschend kündigte das Management in der vergangenen Woche an, für das Geschäftsjahr 2002 auf das Factoring, also den Verkauf von Provisionsansprüchen, zu verzichten und die umstrittene Rückversicherungspraxis zurückzuführen. Das resultiert in Sonderaufwendungen, die in einem Konzernverlust von 114,5 Mill. Euro münden nach einem Gewinn von 151 Mill. Euro im Vorjahr.

Die Analysten waren mit den Aufräumarbeiten allerdings noch nicht zu befriedigen. Eine Welle von Herabstufungen folgte unmittelbar, nachdem die MLP-Spitze die neuen Karten auf den Tisch gelegt hatte. Merrill Lynch bezeichnete beispielsweise die Rückstellungen und Wertberichtigungen für die Bilanzwende von rund 145 Mill. Euro als "enttäuschend". Andererseits: Wäre ein weiteres Durchwursteln wirklich die bessere Alternative gewesen? Schließlich gab Termühlen jetzt selbst zu, dass die frühere Bilanzierungspraxis "der Öffentlichkeit nicht vermittelbar war." Zukünftige Provisionseinnahmen zu verkaufen und gleich als Erträge zu verbuchen war eine Akrobatik, die nicht mehr in die Zeit passte. Die Rückkehr zu konservativer Bilanzpolitik hat ihren Preis, und die Aktionäre mussten diese längst überfällige Korrektur teuer bezahlen - MLP gehört zu den größten Kapitalvernichtern im Dax.

Optisch ist die Aktie mit rund 8,30 Euro jetzt günstig. Aber auf Basis der nach unten revidierten Planzahlen für das Geschäftsjahr 2003 hat beispielsweise das Research der NordLB ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 21,1 errechnet. Das liege über dem KGV von 11,1 für den Konkurrenten AWD. Damit wäre MLP relativ teuer.

Fest steht: In diesem Jahr kommt für MLP die Nagelprobe, ob der Neustart gelingt. In diesem Jahr soll ein Gewinn von 65 Mill. Euro erzielt werden, viel weniger als von Analysten erwartet worden war, aber angesichts der Konjunkturlage immer noch ehrgeizig. Ob hier wieder Luftschlösser gebaut werden oder das Unternehmen wirklich Tritt fasst, dürfte am 24. April klar werden, wenn das endgültige Jahresergebnis für 2002 vorliegt und die Bilanz für das erste Quartal 2003 fällig ist. Im Mai steht dann wieder die Überprüfung der Dax-Zusammensetzung an. Aber in dem Punkt sind die Analysten mittlerweile gelassen: ein Abstieg könnte auch positiv sein, weil dann die Aufmerksamkeit der Börsendienste nachlasse. Zuletzt hatte sich vor allem "Prior Börse" mit neuen Spekulationen auf MLP eingeschossen.

Mit den neuen Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young und dem auf eine transparente Bilanz eingeschworenen Finanzvorstand Uwe Schroeder-Wildberg soll den Kritikern von MLP jetzt der Wind aus den Segeln genommen werden. Geht auch nur einer der Erneuerer von Bord, kann man die Aktie für lange Zeit wieder völlig vergessen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%