Aktie unter der Lupe
Degussa steht zwischen allen Stühlen

Die schwache Konjunktur belastet den Chemie-Konzern Degussa. Für das zweite Quartal erwarten Analysten einen Ergebnisrückgang. Der Aktienkurs ist in den vergangenen Wochen gefallen. Verantwortlich hierfür war aber weniger die operative Entwicklung als die Unsicherheit über den künftigen Eigner.

HB FRANKFURT/M. Wenn Degussa-Vorstandschef Utz-Hellmuth Felcht heute die Zahlen des Chemiekonzerns für das zweite Quartal vorstellen wird, werden Marktbeobachter diese nur beiläufig wahrnehmen. Denn Zahlen sind im Moment bei Degussa zweitrangig. Wieder einmal steht die Zukunft des Düsseldorfer Unternehmens, das in den vergangenen Jahren mehrfach fusioniert wurde, auf der Kippe. Am Freitag ist das Übernahmeangebot, das die Essener RAG den freien Degussa-Aktionären gemacht hat, ausgelaufen. Gestern nun gab RAG bekannt, dass 46,5 Prozent der Anleger die Offerte in Höhe von 38 Euro angenommen haben. Angesichts eines derzeitigen Kurses bei 32 Euro scheinbar eine gute Wahl.

Ob es tatsächlich zu der Übernahme kommen wird, hängt aber von einer anderen Entscheidung ab. Eon wird Degussa nur dann an RAG abgeben, wenn es seinerseits deren Anteile an Ruhrgas übernehmen darf. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hatte diese Fusion aber kürzlich gestoppt. Sollte das Geschäft platzen, wäre auch der Degussa-Verkauf wieder fraglich, zumal er für RAG in diesem Falle zu teuer werden dürfte.

Längst hat die Verunsicherung über die Zukunft von Degussa auch den Aktienmarkt erreicht. Nach Angaben des Finanzinformationsdienstes Bloomberg haben in den vergangenen zwölf Monaten von 43 Analysten nur zehn die Degussa-Aktie zum Kauf empfohlen. 22 dagegen raten dazu, die Entwicklung abzuwarten und das Papier zu halten, während elf Analysten einen Verkauf vorschlagen. Dabei gehörte Degussa in den ersten Monaten dieses Jahres zu den Gewinnern an der Deutschen Börse. Lag der Aktienkurs zu Jahresbeginn noch bei 28 Euro, konnte er bis Anfang April bis auf knapp 38 Euro zulegen. Inzwischen aber hat er seine Gewinne nahezu komplett abgeben müssen und notiert bei Werten knapp über der 30-Euro-Marke.

Zu allem Überfluss drohen dem Unternehmen auch noch schlechte Nachrichten in operativer Hinsicht. Für das zweite Quartal erwarten von Reuters befragte Analysten im Durchschnitt einen Rückgang des Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) im Kerngeschäft auf 253 Mill. Euro, nach 287 Mill. im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Auch der Umsatz wird den Schätzungen zufolge mit 2,80 Mrd. Euro unter dem Vorjahreswert von 2,86 Mrd. liegen. Als Grund für den Rückgang sehen die Analysten das schwierige konjunkturelle Umfeld an, das vor Degussa, das u.a. Unternehmen der Auto- und Telekomindustrie beliefert, nicht Halt gemacht habe. Zudem entstanden Degussa durch den Verkauf der Pharmasparte Viatris sowie der Degussa Bank hohe außerordentliche Aufwendungen und der Konzern musste Mittel zurückstellen, weil ihm von der EU-Kommission ein Bußgeld in Höhe von 118 Mill. Euro wegen angeblicher illegaler Preisabsprachen droht.

Alles in allem kein gutes Bild für die Aktie. Der droht sogar noch eine weitere Abwärtsbewegung, falls sie im Zuge der möglichen Übernahme durch RAG aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) fliegen sollte. Aufgrund des geringen Anteils frei handelbarer Aktien (Streubesitz) könnte ein solcher Abstieg bald anstehen. Denn sollte die RAG tatsächlich neuer Besitzer werden, würde der Degussa-Streubesitz auf sieben Prozent sinken. "Ich sehe ein ganz klares Risiko, dass Degussa aus dem Dax fliegt", sagt Anke Peters, Analystin bei der Vereins und Westbank. - Sie nennt für die Aktie einen fairen Wert von 29 Euro und rät zum Verkaufen. Einer möglichen Übernahme durch RAG steht sie kritisch gegenüber: "Ich sehe keine Synergien mit dem neuen Eigentümer."

Alexander Kachler, Analyst bei der Privatbank Merck Finck & Co. sieht die Degussa-Aktie hingegen trotz aller Unsicherheiten als "Outperformer": "Das Unternehmen ist im Kerngeschäft Spezialchemie sehr gut positioniert." Auch wenn einige Geschäftsbereiche von der Konjunkturschwäche negativ belastet würden, will Kachler an seiner Einstufung festhalten - falls die heutigen Zahlen keine bösen Überraschungen bringen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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