Aktie unter der Lupe
Ericsson-Aktie profitiert von Gerüchten

Ein Kursplus von 25 % in nur einer Woche? Und das bei einer Aktie aus der schwer gebeutelten Telekommunikationsbranche? Es geht, der schwedische Handy- und Netzwerk-Riese Ericsson hat es in der vergangenen Woche vorgemacht.

HB STOCKHOLM. Begonnen hatte die Kletterpartie, nachdem Lars Otterbeck, Chef des drittgrößten Ericsson-Aktionärs, dem Investmentfonds Alecta, erklärt hatte, der Telekommunikationsriese könne entweder ein Übernahmekandidat oder selbst Käufer eines Konkurrenten werden. Ericssons Aufsichtsratsvorsitzender Michael Treschow erklärte, sein Unternehmen befinde sich in keinen Übernahme- oder Allianzverhandlungen. "Allerdings ist ein solches Szenario in der Zukunft nicht auszuschließen", sagt Treschow. Alecta-Chef Otterbeck schürte die Unruhe noch, als er sagte, der Aktienkurs von Ericsson sei in den vergangenen Monaten so stark gesunken, dass man bald eine Schmerzgrenze für die Durchführbarkeit der für den Herbst geplanten Emission erreicht habe. Ericsson will die Emission mit einem Volumen von 3 Milliarden $ im Herbst durchführen, um den eigenen Schuldenberg abtragen zu können. Der Konzern bekräftigte noch einmal, dass die Emission wie geplant durchgeführt werde.

Der Kurs der Ericsson-Aktie ist seit Anfang des Jahres um 70 % gesunken und erreichte vor 14 Tagen das Niveau von 1995. "Jetzt scheinen wir den Boden erreicht zu haben", meint ein Stockholmer Analyst. Allerdings gibt es auch andere Auffassungen: Die Credit Suisse First Boston erklärte gestern, das Wachstum in der Branche werde in den kommenden fünf Jahren sehr schwach oder gar bei Null liegen. Deshalb setze man das Kursziel von Ericsson auf 9 Kronen (0,98 Euro) und habe die Empfehlung "Verkaufen" ausgesprochen.

"Wenn man tatsächlich von einem fünfjährigen Null-Wachstum in der Branche ausgeht, klingt das Kursziel gar nicht so falsch", sagte dazu Håkan Wranne von Fischer Partners in Stockholm. Fischer Partners hat die Aktie kurzfristig ebenfalls auf "Verkaufen" gesetzt. Allerdings betont Wranne, dass der Titel "langfristig interessant" sei. "Unser Kursziel für die kommenden zwölf Monate liegt bei 40 Kronen." Für ihn ist der deutliche Kursanstieg der vergangenen Tage auch ein Zeichen "einer Korrektur" nach dem starken Kursfall. Einen konkreten Grund für den Anstieg gibt es laut Wranne nicht.

Dass der weltweit größte Hersteller von Mobilfunknetzen wie viele seiner Konkurrenten überhaupt so in die Enge getrieben worden ist, liegt an der hohen Verschuldung vieler Telekom-Gesellschaften. Durch überteuerte Lizenzen für den dritten Mobilfunkstandard UMTS bei gleichzeitiger Ernüchterung über die Möglichkeiten und den zeitlichen Fahrplan bis zur endgültigen Markteinführung haben viele Telekom-Konzerne kräftig auf die Investitionsbremse getreten und den Ausbau der neuen Netze verzögert. Deutlich lässt sich das an den Pressemitteilungen von Ericsson herauslesen. Während die Schweden im ersten Halbjahr 2001 immerhin 23 Mal über neue Lieferaufträge für Mobilfunknetze berichteten, kam bis Ende Juni dieses Jahres gerade einmal 6 Pressemitteilungen.

Am 19. Juli wird Ericsson sein Halbjahresergebnis vorlegen. Während Konkurrent Nokia aus Finnland mehrfach die Umsatzerwartungen nach unten korrigiert hat, sind von Ericsson keine neuen Informationen gekommen. Damit gelten weiter rote Zahlen im Netzwerkbereich. Ericsson-Chef Kurt Hellström hatte im April einen "mehr als 10 prozentigen Rückgang bei Netzwerk-Bestellungen für das gesamte Jahr prognostiziert". Kleiner Lichtblick: Die zusammen mit Sony betriebene Handy-Produktion soll 2002 wieder schwarze Zahlen schreiben.

Quelle: Handelsblatt

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%