AKTIE UNTER DER LUPE
France Télécom lässt die Anleger zittern

Da hilft es auch nicht viel, dass das Kerngeschäft des zweitgrößten Telefonkonzerns Europas floriert. Noch ist ein Ausweg aus der Krise nicht in Sicht.

PARIS. Krisen können Kaufgelegenheiten sein, Krisen können aber auch alles noch schlimmer machen. Das ist die Zwickmühle, in der die Aktie von France Télécom S.A. (FT) steckt. Heftige Turbulenzen schütteln Frankreichs einstiges Vorzeigeunternehmen. Gleich zwei Nackenschläge musste FT vergangene Woche wegstecken: Einen Rekordverlust von 12,2 Mrd. Euro im ersten Halbjahr 2002 und den Rücktritt von FT-Chef Michel Bon. Zwar beendete Bon noch die Kooperation mit dem Büdelsdorfer Mobilcom AG. Das monatelange Fingerhakeln mit dessen Gründer Gerhard Schmid hatte die FT-Aktie erheblich belastet. Aber Bon hinterließ auch zwei große Fragezeichen: Wie die drohende Liquiditätskrise abwenden? Und wer wird sein Nachfolger? - Frei nach Bertolt Brecht: Bon trat ab, der Vorhang fiel, aber viele Fragen blieben offen.

Börsianer hassen solche Unsicherheiten.

"Der Rücktritt von Bon war zwar ein Befreiungsschlag", findet Ilona Hasselbring von der Berenberg Bank. Aber die unklare Lösung für die Liquiditätskrise belaste die Aktie erheblich. 70 Mrd. Euro Schulden schiebt FT vor sich her. 15 Mrd. Euro davon muss der Telefonkonzern bis Mitte 2003 zurückzahlen. "Wäre nicht der französische Staat mit 55,4 % Mehrheitsaktionär, wäre France Télécom wohl pleite", sagt die Analystin. Hasselbring rät, das FT-Papier zu verkaufen. Mehr als die Hälfte ihrer Analystenkollegen sehen das genauso.

Doch es gibt auch Optimisten wie Terry Nguyen vom Pariser Brokerhaus Fideuram Wargny: "Die Strategie von FT ist richtig". Nguyen erinnert daran, dass das Betriebsergebnis im ersten Halbjahr 2002 um 17,3 % auf 3,2 Mrd. Euro wuchs. Auch die Mobilfunkfiliale Orange floriert.

Seit er 1995 den FT-Chefsessel übernahm, machte Bon dem einstigen Monopolisten Beine. Er setzte durch, 45 % des Kapitals an die Börse zu bringen. 90 % der 211 000 Mitarbeiter und 1,5 Mill. Kleinanleger griffen zum Emissionspreis von 27,75 Euro zu. Was in Deutschland die T-Aktie war, war in Frankreich die FT-Aktie. Bon machte aus der Behörde einen Konzern, machte aus "Nutzern" Kunden und investierte ins Internet (Wanadoo). Und er kaufte zu: Höhepunkt war der 50-Mrd.-Euro-Deal, mit dem der 59-Jährige im Mai 2000 Orange von Vodafone übernahm.

Bon musste seinen Expansionskurs teuer bezahlen

Bloß musste Bon seinen Expansionskurs zu teuer bezahlen. Weil sich Frankreichs Regierung weigerte, mehr als 45 % ihrer FT-Anteile abzugeben, konnte Bon Übernahmen nicht mit eigenen Aktien durchführen sondern musste bar bezahlen - daher der Schuldenberg. Dass die Investitionen in Mobilcom (3,7 Mrd. Euro für 28,5 % plus 8,4 Mrd. Euro für eine UMTS-Lizenz) und den britischen Kabelnetzbetreiber NTL (8 Mrd. Euro) zu kapitalen Flops wurden, verschärfte die FT-Krise noch.

Analyst Nguyen gibt sich dennoch überzeugt, dass der französische Staat bis Mitte Oktober die Weichen für die Gesundung von FT stellen wird. Teil des Refinanzierungsplans dürfte zwar eine kräftige Kapitalerhöhung von 15 Mrd. Euro sein, was den Aktienkurs kurzfristig sehr belasten werde. "Aber der Staat wird alles tun, um FT und den Kurs der Aktie wieder flott zu bekommen", sagt Nguyen.

Dafür braucht France Télécom jedoch möglichst bald viele gute Nachrichten und weniger Fragezeichen. Seit ihrem Höchststand von 219 Euro im März 2000 hat die FT-Aktie mehr als 95 % ihres Wertes eingebüßt. Damit schnitt sie noch schlechter ab als ihre Konkurrenten Deutsche Telekom und British Telecom. Seit Jahresbeginn brach der Kurs der FT-Aktie um über drei Viertel ein.

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