Aktie unter der Lupe
Intel gibt den Trend an der Nasdaq vor

Wenn der Chip-Hersteller Intel heute nach Börsenschluss in den USA seine Quartalszahlen bekannt gibt, hören Investoren noch genauer hin als sonst. Intel berichtet als erster der großen Technologiewerte über das abgelaufene dritte Quartal und könnte damit den Trend der kommenden Tage an der Nasdaq vorgeben. Der Chip-Hersteller gilt als Frühzykliker für die Technologiebranche, da die Endgerätehersteller im September ihre Lagerbestände an Prozessoren für das Weihnachtsquartal aufbauen. Noch wichtiger als die Ergebnisse für das abgelaufene Quartal sind mögliche Zukunftsprognosen.

FRANKFURT/M. Von First Call/Thomson befragte Analysten rechnen für die drei Monate von Juni bis September mit ein Ergebnis von 0,13 $ je Aktie nach 0,10 $ im Vorjahresquartal. Nach sechs Rückgängen in Folge peilt Intel damit wieder einen Gewinnanstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum an.

Die Börse zeigt sich davon bisher unbeeindruckt: Seit Jahresbeginn verlor die Aktie 55 % an Wert und notiert derzeit bei 15,22 $ knapp über ihrem Fünfjahrestief und weit unter ihrem Hoch von 74 $ aus dem Herbst 2000. Marktbeobachter befürchten, dass sich die Nachfrage nach PCs in den kommenden Monaten weniger stark erholt als erhofft. Da Intel über den Marktanteil (aktuell 81 %) im Chipsektor kaum noch Wachstumspotential hat, ist die Gesamtnachfrage nach Prozessoren von entscheidender Bedeutung für die zukünftigen Umsätze und Gewinne. Trotz aller Bemühungen, vom klassischen PC-Geschäft unabhängiger zu werden, erwirtschaftet Intel noch immer vier Fünftel seiner Umsätze in diesem Segment. Richard Gardner von Salomon Smith Barney (SSB) korrigierte jüngst, wie zuvor schon Credit Suisse First Boston (CSFB), seine Wachstumsprognose für den PC-Markt auf 2 % für das kommende Jahr herunter. Noch bis Anfang Oktober gingen SSB und CSFB von zweistelligen Wachstumsraten für 2003 aus. Eine fundamentale Wende in der PC-Nachfrage ist damit in weite Ferne gerückt.

Für die kommenden Quartale sieht Analyst Thomas Thornhill von UBS Warburg den Platzhirschen Intel dennoch besser gerüstet als Rivalen AMD, der seine Aktionäre jüngst mit einer Gewinnwarnung schockte. "Ein schwaches Weihnachtsgeschäft dürfte AMD mehr belasten als Intel" so Thornhill, der zum Kauf der Intel-Aktie rät. Große Hoffnungen knüpft er an die stromsparende Banias-Prozessorserie, die ab dem ersten Halbjahr 2003 in Laptops zum Einsatz kommen soll. Sie ermöglicht mit den gängigen Akkus bis zu acht Stunden Betriebszeit. Die Banias-Chips sollen die zuletzt schwachen Umsätze mit Geschäftskunden ankurbeln. Chips für mobile Endgeräte sind nach Meinung von Intel-Chef Barrett der Wachstumsmarkt der Zukunft. Um die Konkurrenz auch in diesem Sektor auf Distanz zu halten, investiert Intel in diesem Jahr vier Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung.

Dan Niles, Chipanalyst bei Lehman Brothers, glaubt, dass die Investitionstätigkeit der Geschäftskunden in den USA allmählich den Boden erreicht hat. In der Bewertung Intels sieht er jedoch Risiken: "Die Gewinnerwartungen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr 2003 sind zu hoch", so Niles. Sein Analyseurteil ist "halten". Auch Merrill Lynch Analyst Joseph Osha meint: "Die Zeiten sind vorbei, in denen Intel schneller wächst als die Konkurrenz". Zudem kritisiert Osha die Weigerung Intels, Mitarbeiteroptionen als Ausgaben zu bilanzieren. Sein Anlageurteil ist "neutral".

Die Analysten rechnen im Durchschnitt mit einem Ergebnis von 0,53 $ je Aktie im laufenden und 0,74 $ im kommenden Jahr. Das entspricht einem Kurs-Gewinn Verhältnis (KGV) von 29 für 2002 und 21 für 2003. Experten halten die Beurteilung von stark zyklischen Branchen wie dem Chipsektor anhand des erwarteten KGV allerdings für riskant. So errechneten Analysten im Schnitt noch im Mai und bei Kursen über 30 $ ein KGV von 16 für das laufende Jahr, bevor sie ihre Schätzungen drastisch nach unten korrigierten.

Hilfreicher ist ein Blick in die Vergangenheit - und auf den Kurs selbst. In den bisherigen Chipzyklen zog die Aktie im Einklang mit der Halbleiterbranche ein bis zwei Quartale vor dem tatsächlichen Anstieg des Sektors an. Noch am vorletzten Wochenende sagte Intel-Vorstandschef Craig Barrett am Rande einer Konferenz in Sevilla, er rechne mit einem Ende der IT-Krise für den Jahresanfang 2003. Außerdem sei er trotz der laufenden Umsatzflaute "optimistisch wie nie". Die Intel-Aktie legte seitdem um knapp 20 % zu. Das schürte am Markt die Hoffnung für die heutigen Prognosen.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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