Aktie unter der Lupe
Kinowelt an allen Fronten unter Druck

"Sind das Deppen oder Verbrecher?" beschimpfte ein erboster Aktionär vor anderthalb Monaten auf der Hauptversammlung den Vorstand der Kinowelt Medien AG. Die Märkte beurteilten in den vergangenen Wochen das Management auf ihre Art.

MÜNCHEN. Der Kurs, zur Hauptversammlung im Juni noch weit über 3 Euro, rutsche immer weiter ab und fiel angesichts des anstehenden Ausscheidens aus dem Nemax 50 bis auf 1,90 Euro. "Nicht kaufen" lautet denn auch die Empfehlung von Alexander Kachler, Analyst der Privatbank Merck Finck. Die meisten Banker sehen das ähnlich und führen den Medienwert auf ihrer Verkaufsliste.

Zuletzt sorgten obendrein Medienberichte über massive Zahlungsschwierigkeiten des Unternehmens für Aufregung. Wer das Risiko liebt, kann in solchen Fällen auf den Einstieg eines großen Partners wetten. Dass dies zu großen Kursausschlägen führen kann, bewies zuletzt RTV: Nachdem der künftige EM.TV-Chef Werner Klatten angekündigt hatte, unterbewertete Firmen am Neuen Markt übernehmen zu wollen, kletterte die Aktie an einem Tag um 85 %. In kurzer Zeit lassen sich also hohe Kursgewinne einfahren. Die Analysten der WestLB Panmure erwarten, dass auch die Kinowelt-Aktie volatil bleiben wird, also stark schwankt und deshalb nur für Spekulanten interessant ist.

Als langfristiges Engagement ist Kinowelt dagegen wenig attraktiv. Erst für die kommenden Wochen hat das Management Details über die künftige Ausrichtung in Aussicht gestellt. Klar ist: Die Firma will sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, also den Verleih von Kinofilmen und den Betrieb von Kinos, Homeentertainment, das heißt die Verwertung von Filmen auf Video/DVD, den Fernseh-Lizenzhandel und die Filmproduktion.

Den verlustträchtigen Bereich Merchandising will das Management abstoßen. Für die Merchandising-Tochter Brameier Fanworld hat Kinowelt bereits Anfang Juli einen Insolvenzantrag gestellt. Insgesamt rutschte Kinowelt in den ersten drei Monaten mit 30,3 Mill. Euro in den roten Zahlen. Im selben Zeitraum des Vorjahres hatten die Bayern noch einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 7,7 Mill. Euro eingefahren.

Wie zahlreiche Wettbewerber leidet Kinowelt unter der Kaufzurückhaltung der großen deutschen Privatfernseh-Ketten, also RTL und Kirch (Pro Sieben, Sat 1). Aus einem 500 Mill. DM teuren Film-Paket konnte Kinowelt deshalb bisher nur für schätzungsweise 180 Mill. DM Material verkaufen. RTL und Kirch nehmen Unternehmen wie Kinowelt nichts ab, weil die jungen Wettbewerber die Preise massiv in die Höhe getrieben haben. Ob Kirch, RTL, EM.TV oder ein anderer Konzern nun als Retter einspringt, ist völlig offen. Ein Kinowelt-Sprecher betonte, dass das Restrukturierungs-Konzept so ausgelegt würde, dass Kinowelt alleine fortbestehen kann. Darüber hinaus sei Kinowelt aber auch daran interessiert, Partner für einzelne Bereiche zu finden.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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