Aktie unter der Lupe
Petrobrás: Politisches Risiko nimmt zu

Die Aktie des brasilianischen Öl- und Gaskonzerns Petrobrás gilt als Schnäppchen mit Kurspotenzial. Doch weil der Staat immer noch die Kontrolle über das Unternehmen hat, heben einige Analysten den warnenden Zeigefinger.

HB SÃO PAULO. Das Interesse ausländischer Investoren an brasilianischen Aktien ist derzeit gering - mit einer Ausnahme: den Titeln des integrierten Öl- und Gaskonzerns Petrobrás. Die Aktie, die auch als ADR (American Depositary Receipts/Ersatzwertpapiere) in New York gehandelt wird, gilt als attraktivster Blue-Chip Brasiliens und wird von vielen Analysten zum Kauf empfohlen. Aber auch die Strategen in den Investmentbanken bestücken mit dem einzigen echten Ölstandardwert Lateinamerikas ihre Fonds.

"Petrobrás ist ein absoluter Spitzenwert unter den Emerging-Market-Unternehmen", sagt Carlos de Leon von Deutsche Banc Alex. Brown. Aus mehreren Gründen: Die Aktie ist billig, obwohl sie seit Jahresanfang schon an Wert zugelegt hat. Bei einem Kurs um 26 US$ in New York sieht etwa Merrill Lynch ein Kurspotenzial von rund 30 % in den nächsten zwölf Monaten. Nach Einschätzung der Deutschen Bank ist die Aktie damit immer noch rund 40 % billiger als der Durchschnitt der Ölkonzerne weltweit.

Analysten sehen eine ganze Reihe von Vorteilen bei Petrobrás. Der Konzern könne seine Produktion schneller steigern als jeder der Konkurrenten und verbessere sein Management kontinuierlich, lobt etwa ein Fondsmanager von Baring. Der Rating-Agentur Fitch wiederum gefällt vor allem die zunehmend transparentere Bilanzierung. Positiv schlägt sich zudem nieder, dass im Konzern 80 % der Kosten in Real anfallen, der sich seit 1999 stark abgewertet hat. Das hält die Produktionskosten niedrig, die Rentabilität hoch und sorgt für außergewöhnliche Gewinnsteigerungen. Und auch im internationalen Branchenvergleich schneidet die Aktie gut ab. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6,7 liegt weit unter den Kennzahlen großer und mittlerer Ölkonzerne.

Staat kontrolliert immer noch

Doch bei aller Euphorie, die Risiken dürfen nicht übersehen werden und schlagen sich im niedrigen Kurs nieder. Denn obwohl der brasilianische Staat im Jahr 2000 bereits 21 % seines Kapitals verkauft hat, hält er mit rund 40 % noch die Kontrollmehrheit. Das war in den vergangenen Jahren weniger ein Problem, weil die Regierung unter Fernando H. Cardoso seit 1995 zäh gegen alle politischen Widerstände daran arbeitete, den verschlossenen Staatskonzern in ein modernes Aktienunternehmen zu verwandeln.

Doch nun stehen Wahlen an: Im Oktober wird ein neuer Präsident gewählt - und prompt ist der Ölkonzern Thema im Wahlkampf geworden. Im Mittelpunkt stehen die zu hohen Preise, die Petrobrás für Treibstoff und Gas als Monopolist auf dem Binnenmarkt verlange. Das ist für die Wahlkampf-Kandidaten ein willkommenes Thema, weil sie sich damit bürgernah zeigen können. Für die Regierung dagegen ist die Diskussion äußerst unangenehm: Brasilien benötigt für den Überschuss in seinem Staatshaushalt dringend die hohen Dividenden des staatlichen Ölkonzerns.

Einige Investmentbanken haben bereits reagiert: Sudameris Corretora stufte schon im vergangenen Jahr Petrobrás "trotz der guten Aussichten" wegen der sich potenziell verändernden politischen Rahmenbedingungen als "Risikokauf" ein. Auch Merrill Lynch kann sich nur zu einer "near-term-buy"-Kaufempfehlung, also zum kurzfristigen Kauf, durchringen. Und die Rating-Agentur Fitch hat das Kreditrating von Petrobrás als risikoreich (BB-) mit einem negativen Ausblick bewertet. Damit besitzen die Kredite des Staatskonzerns die gleiche, schlechte Investmentqualität wie der brasilianische Staat. Doch die Einstufung ist umstritten und keineswegs Konsens unter den Agenturen: Der Rating-Konkurrent Moody?s hat eine 1-Mrd.-Dollar-Anleihe des Konzerns im vergangenen Jahr als Investmentgrade, also besser als Brasilien insgesamt eingestuft.

Einige Analysten gewinnen der Staatskontrolle dagegen etwas Positives ab: Petrobrás konzentriere seinen Investitionen weit mehr als die Konkurrenten auf die Prospektion - also die Ausweitung seiner Reserven - statt auf die Förderung. Deshalb habe der Konzern bedeutende Reserven und damit die Basis für eine mittelfristig steigende Produktion. Das liegt am Interesse Brasiliens, das bis 2005 unbedingt autonom in der Ölversorgung werden will, um die Leistungsbilanz zu entlasten.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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