Aktie unter der Lupe
Politik belastet Anglo-Aktienkurs

Weil die Regierung schwarze Investoren an südafrikanischen Minen zwangsweise stärker beteiligen will, steht die Aktie von Anglo American unter Druck. Nach wie vor gilt der Kurs des finanzstarken britisch-südafrikanische Bergbaukonzerns aber als gutes Barometer für den Zustand der Republik am Kap.

JOHANNESBURG. Wegen unterschiedlicher Aussichten in den einzelnen Geschäftsfeldern gab die Anglo American plc, London, bei der Vorlage ihrer Zahlen 2002 keine Ergebnisprognose für 2003 ab. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz von knapp 19,3 auf 20,5 Mrd. US-Dollar, als Schlussdividende werden 36 Cents/Aktie gezahlt. Der Rohstoffproduzent teilte aber mit, dass sich Edelmetalle derzeit gut entwickeln. Die Nachfrage nach Gold nehme zu, die Preise für Platin und Nickel seien gestiegen. Kupfer, Metalle der Platin-Gruppe und Diamanten sollten von der positiven Entwicklung in der VR China profitieren, teilte der Konzern mit, der am Diamantenproduzenten De Beers beteiligt ist.

Die Ergebnisse von Anglo American hingen stark von der Entwicklung der Rohstoffpreise und des Rand-Kurses ab, wird betont. Bei Platin sei wegen der hohen Nachfrage mit anhaltend festen Preisen zu rechnen. 2002 habe der realisierte Preis für Platin bei 544 USD je Feinunze und damit 18 USD über dem Vergleichswert des Vorjahres gelegen. Anglo Platinum will die Gewinnung von Platin bis Ende 2006 auf 3,5 Mio Feinunzen steigern, hieß es.

Wenige Konzerne spiegeln die Stimmungslage ausländischer Investoren gegenüber Südafrika deutlicher wider als Anglo American. Als im vergangenen Jahr ein erster radikaler Entwurf der später modifizierten neuen Bergbau-Charta an die Öffentlichkeit drang, der einen Transfer von 50% der Minenaktiva im Land an schwarze Investoren vorsah, verloren die Aktien des Konzern in nur zehn Tagen mehr als ein Viertel ihres Wertes. Davon hat sich der zweitgrößte diversifizierte Bergbaukonzern der Welt bis heute nicht wirklich erholt.

Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist Anglo noch immer deutlich billiger als seine fast doppelt so hoch bewerteten Konkurrenten Rio Tinto und BHP Billiton. Anglo gehört zu den wenigen Unternehmen an der Londoner Börse, deren KGV im einstelligen Bereich liegt. "Für eine Firma von seiner Größe und Reputation ist das schon ungewöhnlich" sagt David Hall, Minenanalyst von Merrill Lynch in Johannesburg.

Dabei ist das Unternehmen nach Ansicht der meisten Experten glänzend positioniert. Durch seine breite Produktpalette und die Ausrichtung auf Edelmetalle ist es Anglo gelungen, sich von der globalen Wirtschaftsschwäche weitgehend abzukoppeln. Zudem sitzt das Unternehmen auf einem hohen Bargeldpolster und sein Verschuldungsgrad ist mit 20% vergleichsweise gering.

Konzernchef Tony Trahar hat in den vergangenen beiden Jahren den Kurs seines Vorgängers konsequent fortgesetzt und Anglo von einem trägen Konglomerat zu einem aufs Kerngeschäft fokussiertes, weltweit operierendes Unternehmen gemacht. Nach der Beseitigung der Überkreuzverflechtung mit De Beers will Anglo offenbar, durch kontinuierliche Aufstockung seines Anteils an der südafrikanischen Eisenerzfirma Kumba und einer 34,9%-Beteiligung an der Minenfirma Avmin zu einem bedeutenden Eisenerz-Produzenten aufzusteigen. Die Zukäufe führten bereits zu Spekulationen, Anglo sei am Erwerb des staatlichen brasilianischen Eisenerzförderers CVRD interessiert, was allerdings Konzernchef Trahar wiederholt bestritt.

Im Platinsektor wird Anglo in den nächsten Jahren einen Großteil seiner Investitionen tätigen. Die südafrikanische Platintochter Angloplat, an der Anglo ihren Anteil von über 50 auf 66,7 % aufstockte, will in den nächsten fünf Jahren rund 2 Mrd. $ in Exploration und Erweiterung seiner südafrikanischen Platinminen stecken. Zwar hat sich der Anteil der in Südafrika erzielten Profite im letzten Finanzjahr trotz der geplanten Großinvestitionen am Kap von über 65 % auf 54% verringert, doch hat der Absturz des Aktienpreises die noch immer starke Ausrichtung auf Südafrika eindrucksvoll belegt.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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