Aktie unter der Lupe
Ruhrgas will Anteile an Gazprom erhöhen

An Russlands Gasgiganten scheiden sich die Geister. Die Gazprom-Aktie fehlt in kaum einem Russland-Fonds. Einige Analysten warnen aber vor den hohen Schulden des weltgrößten Gaskonzerns.

MOSKAU. Gazprom-Chef Alexej Miller brachte seinen am Montag in Moskau versammelten Aufsichtsräten - darunter Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann - frohe Kunde: Der weltgrößte Gaskonzern werde ein Joint Venture mit Kasachstan gründen, um die reichen Gasschätze der Kasachen auf Europas Märkte und Geld in die Konzernkasse zu bringen. Das Füllhorn will Miller auch seinen Aktionären öffnen. Aus dem von 48,5 auf 71,9 Mrd. Rubel (umgerechnet 2,3 Mrd. US-Dollar) im Vorjahr gestiegenen Reingewinn will der Gasgigant je Aktie 44 Kopeken Dividende zahlen.

Die Kursentwicklung der Gazprom-Papiere lag im vergangenen Jahr noch unter dem boomenden Börsendurchschnitt. Seit Beginn diesen Jahres hat die Aktie mit einem Kursplus von rund 89 % den Moskauer RTS-Index, der um gut 60 % gestiegen ist, geschlagen. Allerdings liegt Gazprom damit noch hinter einigen Ölwerten, die sogar dreistellig wuchsen. Auch im "Putin-Vergleich", der Moskauer Investmentbank Vereinte Finanzgruppe (UFG) liegt Gazprom im Mittelfeld. Dabei wird der Kursverlauf der Aktien seit dem Amtsantritt von Präsident Wladimir Putin verglichen. Der zweitgrößte Ölkonzern des Landes, Yukos, liegt mit einer Kurssteigerung von 1 253 % auf Platz eins. Gazprom konnte um rund 200 % zulegen.

Dabei ist das Schicksal Gazproms eng mit dem Putins verbunden. Der Kremlherr lässt seinen Getreuen Miller in dem Skandal-Konzern aufräumen, dessen Top-Management jahrelang Gazprom-Vermögen veruntreut hatte. Ruhrgas-Chef Bergmann ist als Gazprom-Aktionär dabei voll des Lobes für Miller: "Gazprom wurde transparenter. Die neue Führung versucht die - durch undurchsichtige Insider-Verkäufe - verloren gegangenen Gasreserven wieder zu beschaffen. Erste Schritte bei der Konzentration Gazproms auf das Kerngeschäft sind gegangen. Das alles erhöht das Vertrauen in Gazprom." Der Konzern ist für ihn so gut, dass Ruhrgas seinen Gazprom-Anteil von heute 5 % auf 8 bis 10 % erhöhen will. Bergmann ist sich mit den Analysten einig, die fast alle Gazprom mit "kaufen" bewerten. Allerdings sieht die Investmentbank Brunswick UBS Warburg das Papier nur in einer "Halten"-Position und Lehman Brothers-Analyst Guy Butani stuft den Gasgiganten als Underperformer ein.

Gazprom - bankrott oder kreditwürdig?

Dazu trägt vor allem der Schuldenberg von 12,3 Mrd. Dollar bei. Mangels Geldes musste die zu 38,4 % dem russischen Staat gehörende Firma bereits Milliarden-Investitionen zurückstellen. Wegen fehlender Investitionen aber ist die Gasproduktion des Konzerns in den vergangenen Jahren weiter zurück gegangen. Mangels neuer Gasquellen kann Gazprom seine Langfrist-Lieferverträge nicht erfüllen. Der russische Rechnungshof alarmiert: Das Unternehmen sei "nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln seine Zahlungsfähigkeit wiederherzustellen". Die Tageszeitung "Nesawissimaja Gasjeta" schreibt, "Gazprom ist faktisch bankrott". Das dem nicht ganz so ist, belegt, dass westliche Banken dem Konzern immer neue Kredite geben. Allerdings hat die russische Zentralbank staatlichen Banken weitere Gazprom-Ausleihungen untersagt.

So ergibt sich ein durchwachsenes Bild in einem immer weiter boomenden russischen Aktienmarkt, den der deutsche Fondsmanager des Schweizer Unifund, Florian Fenner, "zumindest kurzfristig weiter wachsen" sieht. Das lockt immer mehr Westgeld in den Osten. Eine Umfrage von Merrill Lynch unter 300 Fondsverwaltern hat ergeben, dass mehr als die Hälfte US-Aktien durch Emerging Markets-Papiere ersetzen will. "In Russland kann man noch Aktien von Weltklasse-Konzernen kaufen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 7", schwärmt Sam Wilderman vom GMO Emerging Markets III Fund. Ob Gazprom so ein Weltklasse-Unternehmen ist, daran scheiden sich die Geister. Allerdings fehlt die Aktie in kaum einem Russland-Portfolio.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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