AKTIE UNTER DER LUPE
Siemens-Aktie unter Druck

Analysten werten den jüngsten Konzernausblick von Siemens-Chef Heinrich von Pierer als versteckte Gewinnwarnung. Der wehrt sich zwar gegen diese Interpretation. Analysten reagierten dennoch, indem sie Kursziele und Ertragsprognosen für den Elektro-Riesen senkten.

MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Gewinnwarnung oder nicht - in dieser Frage steht Siemens-Chef Heinrich von Pierer mit seiner Meinung ziemlich alleine. Keinesfalls habe er eine Gewinnwarnung ausgesprochen, betonte der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG am Montag in New York. "Es handelt sich ganz klar um eine versteckte Gewinnwarnung", sagte dagegen gestern Jörg Natrop, Analyst der WGZ-Bank.

Analysten und Investoren reagierten, wie sie nach Gewinnwarnungen meist reagieren: Sie senkten reihenweise Kursziele und Gewinnschätzungen und schickten den Aktienkurs des Elektro-Riesen auf Talfahrt. Allerdings hielt sich Siemens gestern in einem schwachen Marktumfeld noch vergleichsweise gut.

Der Stein des Anstoßes: Siemens kann die Prognose für das laufende Geschäftsjahr nicht einhalten, wie von Pierer mitteilte. Die schlechte Nachricht kam am Morgen nach der Erstnotierung an der New Yorker Börse. Zwar betonte der Siemens-Chef, ohne die Computerchip-Tochter Infineon bleibe der Konzern weiter auf Kurs. Doch die Infineon Technologies AG gehört zu 71 % Siemens und muss laut Analysten in die Konzernbilanz einbezogen werden. Infineon leidet unter der schlechten Lage auf den Halbleitermärkten.

Ein Grund, warum von Pierer seine Äußerungen auf keinen Fall als Gewinnwarnung verstanden wissen will, könnte in den strengen Regeln der US-Börsenaufsicht SEC liegen. Nach der "Fair Disclosure Rule" müssen in den USA notierte Unternehmen nämlich kursrelevante Neuigkeiten sofort öffentlich machen. Sonst drohen Sanktionen.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Dow Jones verwies die SEC aber gestern darauf, dass für allgemeine Prognosen in der Regel keine Offenlegungspflicht bestehe. Siemens selbst betonte, die Aussagen verletzten die US-Regeln nicht. Die jüngsten Aussagen von Pierers enthalten vermutlich auch keine kurssensiblen Informationen im Sinne des deutschen Wertpapierhandelsgesetzes. Das sagte gestern Regina Nößner, Sprecherin des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel (BAWe). "Es handelte sich nicht um harte Zahlen, sondern lediglich um eine Prognose", sagte Nößner. Diese unterliege nicht der deutschen Publizitätspflicht.

Verkaufsempfehlungen sind ein schlechtes Zeichen

Mehrere Banken reduzierten heute ihre Kursziele und Ertragsprognosen für die Siemens-Aktie, darunter die niederländische ABN Amro, die französischen Häuser Exane und CAI Cheuvreux, die US-Banken JP Morgan und Lehman Brothers sowie die WGZ WGZ-Analyst-Bank. Natrop behielt aber sein verhalten optimistisches Anlageurteil "Outperform" auf Sicht von sechs Monaten bei.

Dem Nachrichtendienst Bloomberg zufolge lauten immerhin fünf von insgesamt fünfzig erfassten Analystenurteilen zu Siemens "Verkaufen". Im Allgemeinen sind Verkaufsempfehlungen äußerst selten.

Das Ziel von Siemens lautet weiter: Zweistelliges Wachstum bei Umsatz und Auftragseingang, und ein Gewinnplus dass noch darüber liegt. Zwar laufen zurzeit einige Geschäftsbereiche nicht mehr so gut wie noch vor einigen Monaten. Insbesondere das Handy-Geschäft leidet unter der weltweiten Flaute. Dies, so von Pierer, werde aber durch andere Sparten kompensiert. So laufen derzeit die Bereiche Energieerzeugung, Medizintechnik und Automatisierung besonders gut.

Offenbar wurde Infineon von der Siemens-Mitteilung überrascht. Von Pierer hatte dagegen in New York betont, das Vorgehen sei mit Infineon abgestimmt. Von Pierer und sein Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger, übrigens Aufsichtsratchef bei Infineon, sind derzeit in den USA bei Analysten auf Road-Show. Weitere Details zur Siemens-Prognose für das Gesamtjahr werden jetzt spätestens für Ende April erwartet.

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