Aktie unter der Lupe
Solider Fels in der maroden Textilbranche

Mit Bekleidung ist zurzeit nicht viel Geld zu verdienen. Auch die Gerry Weber AG musste die Erwartungen für 2002 nach unten korrigieren. Dennoch halten Analysten die Aktien der Gesellschaft für solide.

DÜSSELDORF. Als "Fels in der Brandung" bezeichnet der westfälische Textilhersteller Gerhard Weber die Produktpalette der Gerry Weber International AG, die in der "stürmischen See" der angeschlagenen Branche "funktioniert". Die Zahlen geben ihm Recht, meinen Analysten: Zwar musste auch das Unternehmen aus Halle das ursprünglich auf optimistische 20 % prognostizierte Wachstum für das laufende Jahr auf bescheidene 7 % korrigieren. Doch angesichts der allgemeinen Konjunkturflaute in der Modeindustrie - im ersten Quartal dieses Jahres büßten die deutschen Hersteller nach Angaben des Bundesverbandes der deutschen Bekleidungshersteller (BBI) 7,8 % ihres Umsatzes ein - steht die Gerry Weber AG vergleichsweise gut da. Morgen wird das Unternehmen seinen Bericht für das erste Halbjahr vorlegen.

Im März stieg Gerry Weber International AG in die Zweite Börsenliga auf, den MDax. Im Mai wurden die Aktien dort auf Platz zwölf der am meisten gehandelten Werte geführt. Anfang Juni hat die Gesellschaft fast 1,5 Mill. neue Aktien zu einem Nennwert von einem Euro zum Stückpreis von 7,50 Euro ausgegeben. Damit will sie eine Ausschüttung über 11 Mill. Euro - eine Sonderdividende von 0,50 Euro je Aktie - zurückholen. Hintergrund der Aktion sind Steuervorteile: Denn noch gibt es im deutschen Steuerrecht die Besonderheit, dass bei Kapitalgesellschaften der Steuersatz auf die Dividende günstiger ist als die Besteuerung des thesaurierten Gewinns. Unternehmen nutzen dieses Steuergefälle und lassen sich die Dividende zusammen mit der gezahlten Körperschaftsteuer auszahlen und stellen den Betrag dem Unternehmen dann wieder zur Verfügung. Diese Praxis nennt man das "Schütt-aus-hol-zurück"-Verfahren: Es erlaubt, Gewinne zu dem niedrigen Steuersatz der Ausschüttung zu speichern.

Die Gerry-Weber-Aktie sei "eine solide Aktie", meint Analyst Peter Wirth von WestLB Panmure. Dass sich ihr Kurs stetig und zuverlässig besser entwickele als die Textilbranche insgesamt, hat nach Ansicht Wirths verschiedene Ursachen: Eine gute Verbindung zum Einzelhandel, erfolgreiche Vertriebskonzepte durch Shops und Stores und Exporte vor allem in Westeuropa, aber auch in den fernen Osten. Trotz der nach unten korrigierten Wachstumsprognose sei der Textilkonzern noch immer gut positioniert - seine MDax-Kollegen aus der Branche, Boss und Escada, hätten weitaus größere Umsatzprobleme.

"Beachtlich" findet auch Nils Lesser, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, die Entwicklung Gerry Webers. Die "starke Marke" aus Halle, prophezeit Lesser, werde als erste davon profitieren, wenn sich die Situation im Textil- und Einzelhandel verbessere. Dennoch habe man bei HSBC die Aktie von "Kaufen" auf "Aufstocken" herabgestuft. Denn die Sonderdividende und die Aufnahme in den MDax, die sein Haus noch im Januar zu einer Kaufempfehlung veranlasste, wurde inzwischen realisiert. Zudem rechne er nur mit einem Umsatzwachstum von 6 % und nicht mit jenen 7 %, die Gerry Weber selbst erwartet. Die "kleine Kapitalerhöhung" von Anfang Juni ist nach Ansicht Lessers kein Effekt, der positiv oder negativ herausgestellt werden könne. Sie diene nur dazu, das als Sonderdividende ausgeschüttete Eigenkapital zu refinanzieren.

Ganz entscheidend auch für die Entwicklung des Aktienkurses ist nach Ansicht Peter Wirths der hohe Bekanntheitsgrad Gerry Webers. Der ist nicht nur auf die Produkte des Textilherstellers zurückzuführen, die - wie die Aktie - einen soliden und konsequenten Kurs verfolgen: Modisch, aber nicht extravagant, nicht zu teuer, aber auch nicht billig. Bekannt ist der Name Gerry Weber vor allem durch Sportveranstaltungen, die internationale Tennis- und Golf-Profis in die ostwestfälische Kleinstadt Halle locken. In diesem Jahr kam sogar der mehrfache Wimbledon-Sieger Pete Sampras zu einem allerdings nur kurzen Gastspiel in das Gerry-Weber-Tennisstadion, dessen Centre Court dem britischen Traditions-Rasenplatz wie ein Grashalm dem anderen gleicht.

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