Aktie unter der Lupe
Tiscalis Strategie wird zur Glaubensfrage

Die Preise für Internetzugänge sind wie die Preise für sonstige Kommunikationsleistungen stark gefallen. Trotzdem setzt der italienische Anbieter Tiscali vor allem auf das Zugangsgeschäft. Um hier profitabel zu sein, muss das Unternehmen stark wachsen. Analysten und die Börse sind dabei skeptisch.

5.6.2001 MAILAND. Heute, im Frühsommer des Jahres 2001, kann niemand mit Bestimmtheit sagen, welches Geschäftsmodell im Internet überleben wird und welches nicht. Meinungen über die Zukunft von Dotcom-Unternehmen ähneln daher oft eher Glaubensbekenntnissen denn kühlen Urteilen.

Ein gutes Beispiel dafür ist der italienische Internet-Service-Provider Tiscali. Bis weit ins vergangene Jahr stand die Aktie auf vielen Empfehlungslisten in- und ausländischer Analysten, obwohl das Unternehmen keineswegs zu den großen der Branche zählte. Heute ist das Papier knapp 90 % von seinen Höchstständen entfernt, das Unternehmen hat nach einer wahren Orgie von Akquisitionen und einem stürmischen Wachstum die Position Nummer zwei in Europa hinter T-Online erobert - dennoch erscheint der Titel jetzt vielen Experten zu teuer.

Wie profitabel ist noch das reine Zugangsgeschäft?

Im Kern geht es bei der Beurteilung von Tiscali um eine entscheidende Frage: Kann man mit kostenfreien Internet-Zugängen ohne jegliche vertragliche Bindung Geld verdienen? Renato Soru, der Gründer und Chef von Tiscali, ist davon überzeugt. Er verspricht noch in diesem Jahr, die Gewinnschwelle auf Basis des Ebitda (Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) zu erreichen; 2002 soll die Gesellschaft bereits einen positiven Cash-flow generieren. Das aber nehmen ihm viele Beobachter nicht ab. So sieht beispielsweise das Team von Credit Suisse First Boston in einer aktuellen Studie die Gewinnschwelle erst Mitte nächsten Jahres kommen und rät daher zu erhöhter Vorsicht bei der Tiscali-Aktie.

Soru hat zwei Schwierigkeit beim Geldverdienen. Auf der einen Seite muss Tiscali - auch durch weitere Zukäufe - weiter wachsen, um Größenvorteile im extrem mengensensiblen Zugangsgeschäft (access) zu erzielen. Dazu muss Soru auch die Werbetrommel rühren, um die Marke Tiscali vor allem außerhalb Italiens bekannter zu machen. Auf der anderen Seite sind Kosteneinsparungen bei Internet-Firmen heute mehr denn je notwendig.

"Wie will aber eine Firma ihre Marketingkosten drastisch kürzen und gleichzeitig ihren Bekanntheitsgrad steigern?", fragt sich Kai Kaufmann von Dresdner Kleinwort Wasserstein in London. Und Domenico Ghilotti von Euromobiliare in Mailand fügt an: "Wenn Tiscali weiter so aggressiv zukauft, riskiert die Firma, viel Geld zu verbrennen." Auf die Fahnen schreiben kann sich Soru eine radikale Rosskur im ersten Quartal 2001 geschafft zu haben, die viele Beobachter beeindruckt hat. Von einem Quartal aufs nächste wurden die Personalkosten um die Hälfte gedrückt.

Für Dresdner-Analysten Kaufmann ist dies aber noch lange kein Anlass, Entwarnung zu geben: "Darin sind viele Einmaleffekte enthalten, wie die Schließung der World-Online Zentrale in Rotterdam. Das bedeutet noch nicht, dauerhaft günstigere Kostenstrukturen zu besitzen."

Andere Analysten kritisieren, dass die Umsatzerlöse trotz hoher Steigerungsraten immer noch nicht befriedigend sind. "Im ersten Quartal fiel das Geschäftsvolumen enttäuschend aus", meint Ghilotti von Euromobiliare: "Vor allem sehe ich praktisch noch keine Erlöse aus dem Portalgeschäft, dem B2B und der Bereitstellung schneller ADSL-Zugänge." Gerade mit diesen Angeboten sind aber laut Experten hohe Renditen drin, die jenen in der Medienbranche ähneln. Die Margen im Geschäft mit freien Zugängen verringern sich dagegen im Zuge des Preisverfalls von Telefongebühren, was nur durch Mengenwachstum ausgeglichen werden kann.

Fazit: Das Gros der Analysten sieht das Papier bei den aktuellen Preisen weiterhin negativ. ABN Amro hat allerdings jüngst empfohlen, T-Online Aktien gegen Tiscali zu tauschen, weil Tiscali relativ gesehen 50 % günstiger seien als der deutsche Konkurrent. Beachten sollten Anleger bei diesem Rat allerdings, dass ABN die Hausbank von Renato Soru ist.

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