Aktie unter der Lupe
Tomra-Aktie hängt am deutschen Dosenpfand

Der Hersteller von Rücknahmegeräten für Getränkeverpackungen, Tomra Systems, setzt auf das deutsche Dosenpfand. Für den norwegischen Weltmarktführer steckt hier ein riesiges Wachstumspotenzial. Analysten erwarten Mehreinnahmen von 1 Mrd. Euro in den zwei bis drei Jahren, falls die Abgabe kommt.

STOCKHOLM. Es sind aufregende Tage, die Erik Thorsen derzeit erlebt. Er ist Chef von Tomra Systems, dem Weltmarktführer für Rücknahmeautomaten von Pfandflaschen und-dosen. Der norwegische Konzern hegt große Hoffnungen, dass die Einführung des Pfands auf Getränkedosen in Deutschland seine Kassen füllen wird.

Experten in Norwegen rechnen damit, dass Tomra allein durch eine deutsche Pro-Pfand-Entscheidung seinen Umsatz um etwa 7,3 Mrd. Kronen (1 Mrd. Euro) in den nächsten zwei bis drei Jahren steigern kann. Das Unternehmen wird in den nächsten drei Jahren auf dem deutschen Markt im besten Fall bis zu 40 000 seiner rund 13 000 Euro teuren Rücknahmeautomaten verkaufen können. "Insgesamt beurteilen wir das Potenzial von Tomra sehr positiv und geben deshalb eine klare Kaufempfehlung", sagt Preben Rasch Olsen, Analyst bei Handelsbanken Securities in Oslo.

Auch in Deutschland haben mehrere Banken die Aktie empfohlen. Analysten erwarten, dass Tomra in Deutschland einen Marktanteil bei Rücknahmeautomaten von etwa 75 % erreicht. Dann könnte Tomra sogar die bisherigen Erwartungen übertreffen. Denn die Bundesregierung rechnet mit einem Bedarf von über 80 000 Geräten, von denen Tomra bei einem Marktanteil von 75 % etwa 60 000 liefern würden. Die restlichen 25 % werden sich die drei deutschen Konkurrenten MRV, Trautwein und Prokent teilen.

Allerdings sorgt die deutsche Dosenpfand-Debatte für starke Kursschwankungen bei Tomra. "Die Aktie ist in den vergangenen zwei Wochen rauf und runter gegangen", sagt Rasch Olsen. Die Titel pendelten in Oslo zwischen 64 Kronen und knapp über 50 Kronen. In dem Auf und Ab drückt sich die Unsicherheit der Anleger aus. Hintergrund ist der Streit zwischen Bundesumweltminister Jürgen Trittin und dem deutschen Einzelhandel um das Dosenpfand. Von Gesetzes wegen müssen die Händler ab dem Jahreswechsel 25 bis 50 Cent Pfand je Dose verlangen. Umstritten ist aber die praktische Umsetzung. Gestern erklärte der Hauptverband des deutschen Einzelhandels, ein bundesweit einheitliches Rücknahmesystem sei gescheitert. Die Tomra-Aktie wird weiter auf die wechselnden Nachrichten reagieren. "Die Unsicherheit bleibt, wie es in Deutschland weitergeht", sagt Analyst Rasch Olsen. Dennoch hält er an seinem Kursziel für die nächsten sechs Monate von etwa 70 Kronen fest.

In den vergangenen Tagen sind neue Konzepte aufgetaucht. So hatte der Handel zwischenzeitlich ein Rücknahmesystem vorgeschlagen, bei dem einheitliche Pfandmarken, so genannte Token, an die Kunden ausgegeben werden. Tomra-Konzernchef Erik Thorsen gibt sich gelassen. "Sollte man sich auf das Token-System einigen, werden wir auch dieses Konzept anbieten", sagte er dem Handelsblatt. Allerdings wies er darauf hin, dass das in die Diskussion gebrachte System mit Pfandmarken "die ganze Sache nur komplizierter macht".

Thorsen äußerte sich aber "optimistisch", dass das Pflichtpfand in Deutschland eingeführt wird. Tomra kann mit seinen Spezialautomaten für die Rücknahme von Pfandflaschen und-kisten unterschiedliche Konzepte anbieten, so dass ein neues System die Norweger nicht aus dem Rennen wirft. Zudem ist Tomra in vielen anderen Ländern vertreten. Zuletzt führte Dänemark ein Pfandsystem ein. Seit Herbst diesen Jahres stellten die Norweger beim südlichen Nachbarn etwa 2 000 Automaten auf. Und für Analyst Rasch Olsen ist es nur eine Frage der Zeit, bis die gesamten EU ein Pflichtpfand auf Einwegverpackungen einführt.

Über die jahrelange Dosenpfand- Diskussion in Deutschland schüttelt man in Nordeuropa den Kopf. Dort ist Tomra seit Jahrzehnten in nahezu jedem Lebensmittelgeschäft mit seinen Schredderanlagen im Miniaturformat vertreten. Die Kunden haben das System akzeptiert, leere Büchsen werden in einen Schacht der Geräte geworfen. Nach einer Überprüfung des Strichcodes, ob die Dose tatsächlich aus dem Land stammt, in dem sie gekauft wurde, erhält der Kunde einen Bon, den er an der Kasse gegen Bares einlösen kann. Als Pfand bekommt er je nach Dosenart und Flaschengröße zwischen umgerechnet 6 und 40 Cent. Die Rücklaufquote liegt in Schweden bei rund 90 %. Weltweit wurden in Tomra-Automaten vergangenes Jahr rund 25 Mrd. Dosen geschreddert.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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