Aktie unter der Lupe
Tomra: Kronen für das Dosenpfand

Der Aktienkurs des norwegischen Herstellers von Rücknahmegeräten für Getränkeverpackungen, Tomra, ist zurzeit sehr volatil. Das könnte sich ändern, wenn in Deutschland das Dosenpfand eingeführt wird. Denn Tomra hat in Europa einen Marktanteil von neunzig Prozent.

STOCKHOLM. Die Einführung der Pfandpflicht auf Getränkedosen in Deutschland erhitzt die Gemüter und lässt auch Anleger schwitzen. Denn sollte Umweltminister Trittin seine Pläne nach Einführung eines Pflichtpfands auf Getränkedosen zum 1. Januar 2003 durchsetzen können, wird das norwegische Unternehmen Tomra Systems ASA einer der ganz großen Gewinner dieser Entscheidung sein. Anfang Juli will das Ministerium die neue Statistik über den Mehrweganteil von Verpackungen bekannt geben. Ist er unter 72 % gesunken, und davon gehen alle Experten aus, kann Trittin das Pfand einführen. Die Getränkeindustrie ist gegen die Pfandeinführung schon vorsorglich vor mehrere Gerichte gezogen.

Tomra ist der mit Abstand größte Hersteller von Dosen-Rücknahmegeräten und würde von einer Verschärfung der europäischen Recycling-Gesetzgebung im Allgemeinen und von einer Pro-Pfand-Entscheidung in Deutschland im Besonderen am stärksten profitieren. In Nordeuropa sind die Geräte der Norweger aus dem Alltagsleben schon lange nicht mehr wegzudenken: In nahezu jedem Lebensmittelgeschäft stehen Tomra-Geräte, in die die leeren Cola- oder Bierdosen geworfen werden. Ein kurzes Schreddergeräusch aus dem Inneren der rund 13 000 Euro teuren Apparate, und ein Bon kommt heraus, der an der Kasse eingelöst werden kann. Wer ein besonders mildes Herz hat, drückt zuvor auf einen grünen Knopf - und das Pfand wird automatisch dem Roten Kreuz gutgeschrieben.

In Deutschland rüstet sich auch die Prokent AG in Ilmenau für den Kampf um die leeren Büchsen. Dennoch hat Tomra in Europa einen Marktanteil von rund 90 %.

Die Unsicherheit über die Einführung des Pflichtpfands in Deutschland spiegelte sich in den vergangenen Monaten im Aktienkurs wider. Seit Anfang des Jahres hat der Kurs um knapp über 30 % nachgegeben und erreichte Ende Mai mit 53,00 Kronen (7,1 Euro) seinen Tiefststand an der Osloer Börse. Seitdem konnte sich der Titel jedoch wieder erholen und notierte vergangenen Freitag mit 62 Kronen schon wieder 16 % höher. "Deutschland bedeutet viel für Tomra, die Unsicherheitsmomente belasten aber den Kurs," sagt Analyst Preben Rasch Olsen von Handelsbanken Securities in Oslo. So haben beispielsweise große deutsche Einzelhandelsketten erklärt, sie würden mit Investitionen für die Rücknahmegeräte noch warten. Doch Rasch Olsen meint damit nicht nur die unklaren Chancen einer pünktlichen Umsetzung des Pflichtpfands, sondern auch den Wahlausgang im September. Die Opposition hat vorsichtig angedeutet, dass sie eine eventuelle Pfandverordnung wieder rückgängig machen würde.

Außerdem berät auch die EU eine neue, strengere Verpackungs-Richtlinie. "Im jetzigen Aktienkurs sind diese Unsicherheitsfaktoren schon berücksichtigt", sagt Rasch Olsen. Dennoch schließt er bei einer weiteren Verzögerung der Pfandpflicht ein kurzzeitiges Absinken unter 60 Kronen nicht aus. "Sie ist aber dennoch interessant", sagt der Analyst. Handelsbanken Securities hat das Kursziel für das kommende Halbjahr auf 70 bis 75 Kronen definiert. Langfristig glaubt er stark an den Titel, da die Verpackungsrichtlinien europaweit auf jeden Fall verschärft werden. Auch Danske Securities ist positiv gegenüber Tomra und gibt eine Kaufempfehlung.

Tomra rechnet bei einer Pro-Pfand-Entscheidung in Berlin mit etwa 20 000 bis 30 000 Recycling-Automaten. Trittins Ministerium geht gar von über 80 000 Geräten aus, doch Tomra glaubt, dass zumindest in der Anfangsphase viele Geschäfte zunächst eine manuelle Rücknahme der Dosen bevorzugen.

Die Norweger geben sich selbst optimistisch, auch wenn eine Berliner Entscheidung noch auf sich warten ließe. Für die kommenden Jahre rechnet Tomra mit einem Umsatzwachstum von 20 bis 30 % in Europa. "Außerdem läuft es gut in Dänemark, den USA und Brasilien", sagt Analyst Rasch Olsen.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%