Aktie unter der Lupe
Übernahmeschlacht stärkt SAP-Aktie

Die Fusionsbemühungen der US-Konkurrenten sind gut für die Walldorfer und dennoch ein warnendes Signal für die Branche.

WALLDORF. Ob die Sektkorken Ende vergangener Woche in der SAP-Zentrale in der Walldorfer Neurottstraße tatsächlich geknallt haben, ist nicht überliefert. Klar ist aber: Der deutsche Software-Hersteller ist der Sieger der in den USA tobenden Übernahmeschlacht zwischen Peoplesoft, Oracle und J.D. Edwards - zumindest vorläufig.

Zur Erinnerung: Peoplesoft will mit dem kleineren Wettbewerber J.D. Edwards fusionieren. Oracle bietet wiederum für Peoplesoft, wahrscheinlich aber nicht für J.D. Edwards. Haben will Oracle-Chef Larry Ellison aber nur die 6 000 Kunden von Peoplesoft, nicht die von Experten hochgelobte Software.

Jeder Marketing-Profi reibt sich angesichts eines solchen Umfelds vergnügt die Hände. SAP hat bereits reagiert. In einer Anzeigenkampagne bietet sich das Unternehmen den verunsicherten Kunden von Peoplesoft und J.D. Edwards als Alternative an. Die in dieser Woche im amerikanischen Orlando stattfindende SAP-Hausmesse Sapphire bietet weitere Gelegenheit, zögernde Kunden vom "sicheren Hafen" SAP zu überzeugen.

Die Börse jedenfalls spielt das Spiel mit: Seitdem Oracle die Offerte für Peoplesoft angekündigt hat, ist der Kurs von SAP um 7 % gestiegen. Zwischenzeitlich war das Plus sogar noch größer. Fast alle Analysten haben den Titel auf die Liste mit Kaufempfehlungen gesetzt. "SAP könnte als Gewinner der Schlacht in den USA gesehen werden", konstatiert Laurence Dejean von HSBC. "SAP ist unseres Ermessens der größte Gewinner der aktuellen Übernahmeschlacht in USA", bestätigt Christian Schindler von der Landesbank Rheinland-Pfalz.

Ob die Euphorie und auch das üppige Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30 allerdings angemessen sind, erscheint fraglich. Natürlich wird SAP davon profitieren, dass sich drei wichtige Wettbewerber im größten Softwaremarkt der Welt, den USA, gegenseitig an den Haaren ziehen. Die Abwehr, aber auch die Durchführung einer feindlichen Übernahme binden Kapazitäten und lenken vom eigentlichen Geschäft ab. Hinzu kommen verunsicherte Kunden. "Wir glauben, dass die Kunden von Peoplesoft und J.D. Edwards SAP als sicheren Hafen vorziehen, weil es der Marktführer ist", sagt Knut Woller von HVB Equity Research.

Doch die Möglichkeiten der Walldorfer, Peoplesoft - und J.D.Ed- wards-Kunden zu sich zu locken, sind begrenzt. Eine neue Software in einem Unternehmen einzuführen, ist ein langwieriger und teurer Prozess. Das gilt insbesondere für die zentrale betriebsinterne Software, die so genannte ERP. Die Treue vieler Firmen zu ihren Software-Lieferanten ist dafür ein eindeutiger Beleg. "Es kann und wird immer wieder passieren, aber der Entscheidungsprozess ist lang", warnt Dejean von HSBC.

Kurzfristig wird SAP allenfalls Chancen bei Unternehmen haben, die gerade darüber nachdenken, sich in der einen oder anderen Nische mit einer neuen IT-Lösung einzudecken. Das ist zwar gut für SAP, schließlich hätten die Walldorfer damit bei neuen Kunden einen Fuß in der Tür mit der Chance auf spätere Zusatzgeschäfte. Den großen Umsatzschub wird es aber nicht bringen.

Überdies sind die für SAP so günstigen Rahmenbedingungen sich streitender Wettbewerber zeitlich begrenzt. Irgendwann geht der Kampf zu Ende. Sollte Oracle mit seinen Plänen durchkommen, hätte die alte Nummer zwei deutlich an Kraft dazugewonnen. Sollte Oracle-Chef Ellison scheitern, hieße die neue Nummer zwei Peoplesoft. Auch wenn SAP in beiden Fällen die klare Nummer eins bleibt, die Kräfte im Software-Markt werden neu verteilt.

Langfristig kann oder muss die überraschend heftig gestartete Konsolidierung in der Software-Industrie sogar in eine ganz andere, eine negative Richtung interpretiert werden. Die über Jahrzehnte von deutlich zweistelligen Wachstumsraten verwöhnte Branche kann ihr Expansionstempo offensichtlich nur noch durch Fusionen und Übernahmen aufrecht erhalten. Der Markt selbst gibt angesichts eines zunehmenden Sättigungsgrades kaum noch etwas her.

Für die langfristigen Aussichten der SAP-Aktie verheißt das nichts Gutes. "Wir sehen die Übernahmeofferten als eine weitere Bestätigung dafür, dass die auf hohem Wachstum basierenden historischen Bewertungsrelationen wohl keine Gültigkeit für die Zukunft haben werden", warnt Schindler von der Landesbank Rheinland-Pfalz.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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