Aktie unter der Lupe
Vorwürfe kreativer Buchführung belasten IBM

Undurchschaubare Bilanzierungspraktiken sind an der Wall Street derzeit gar nicht gern gesehen. Jetzt musste auch IBM Kursverluste hinnehmen. Die New York Times hatte berichtet, die Erfolgsrechnung von "Big Blue" sei möglicherweise geschönt - kein guter Start für den neuen Chef Sam Palmisano.

dek CHICAGO. Kürzlich erfreute IBM die Investoren anlässlich seiner Bilanzpressekonferenz mit einer unerwarteten Gewinnsteigerung. Trotz sinkender Verkaufszahlen überraschte der Technologiekonzern die Anleger mit guten Gewinnmargen. Die Tageszeitung New York Times trübte die Freude jedoch: Sie äußerte den Verdacht, der Konzern habe die Ergebnisse mit Buchführungstricks verfälscht - Stichwort "kreative Buchführung".

IBM habe den Verkauf eines Teils der Optoelektronik Sparte an JDS Uniphase nicht ganz regelkonform verbucht, lautete der Vorwurf. John Joyce, der Finanzchef von IBM, war mit dieser Aussage überhaupt nicht einverstanden: "Unsere Buchführung ist konform mit der gegenwärtigen Praxis." Trotzdem verlor die Aktie gut 8 Prozent an Wert und Sam Palmisano, der am 1. März von Louis Gerstner den Sessel des Chief Operating Officers (CEO) übernommen hat, muss nun die Wogen glätten.

Im Mittelpunkt der Kritik steht das Vorgehen des Konzerns, den Buchgewinn des Verkaufs von JDS Uniphase von den allgemeinen Kosten abzuziehen. Aufgrund der daduch gesenkten Kosten erhielt IBM?s operativer Gewinn einen willkommenen Schub. Korrekter wäre es nach Ansicht der Kritiker gewesen, den Buchgewinn gesondert aufzuführen. Das würde zwar den Nettogewinn unverändert lassen, den operativen Gewinn jedoch genauer wiedergeben. IBM hatte zwar den Buchgewinn von immerhin 300 Mill. Dollar erwähnt, doch offenbar nicht ausführlich genug. Steven Milunovich, IBM-Experte von Merill Lynch: "Wir glauben, dass IBM?s Buchführungspraxis regelkonform war. Unsere Bedenken sind jedoch, dass der Konzern die Dimensionen des Verkaufs besser hätte darstellen sollen."

Finanzchef Joyce will diesen Bedenken künftig Rechnung tragen. Im Gefolge anderer US-Konzerne wie etwa General Electric hat IBM angekündigt, detaillierter über die Herkunft der Gewinne und Kosten zu berichten.

Erfolgreich war IBM im vergangenen Jahr vor allem dank der relativ starken Dienstleistungssparte, die einen substantiellen Anteil des operativen Gewinns erwirtschaftete. Trotz des gegenwärtig getrübten Technologieklimas, erzielte IBM gute Zahlen. Die Aktie stieg zu Anfang diesen Jahres daraufhin bis auf 125 Dollar. Mittlerweile sind die Titel aber nur knapp 100 Dollar wert, also gut 20 Prozent weniger. Laut Steven Weber von SG Cowen in New York bietet die gegenwärtige Schwäche gute Chancen, einzusteigen. "Jegliche Schwäche im Zusammenhang mit dem New York Times-Artikel ist eine Kaufgelegenheit."

Unsicherheiten ergeben sich aus den konjunkturellen Perspektiven. Ohne einen kräftigen Aufschwung dürfte der Verkauf von IT-Dienstleistungen wohl kaum so stark weiterwachsen wie bisher. Sam Palmisano äußerte sich vergangene Woche in San Francisco vorsichtig: "Unserer Ansicht nach wird 2002 ein sehr schwieriges Wirtschaftsjahr. Vielleicht werden die Dinge besser, vielleicht auch nicht". IBM sei auf jeden Fall vorbereitet.

Rebecca Runkle, Analystin bei Morgan Stanley, ist optimistisch: "Unserer Meinung nach wird IBM von einem Aufschwung der Ausgaben für IT profitieren." Im Gegensatz dazu gibt sich Joseph Beaulieu von Morningstar, einem Vermögensverwalter aus Chicago, eher verhalten: "Trotz der starken Leistung im vergangenen Quartal, halten wir uns gegenwärtig von IBM Titeln fern."

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