Aktien-Indizes neigen im Sommer zur Schwäche
Anleger machen erstmal Pause

Zwei gute Börsentage und schon fallen die Kurse wieder. Experten fürchten, dass die Börsenweisheit "Sell in May and go away" - "Verkaufe im Mai und gehe" - wieder ein guter Ratschlag ist. Viele Werte gelten als zu teuer.

DÜSSELDORF. Es gibt nur wenige Regeln an der Börse, die der Prüfung über einen langen Zeitraum standhalten. "Sell in May and go away" ist eine davon. Investoren, die seit 1965 zwischen Oktober und April im Deutschen Aktienindex (Dax) investiert waren, strichen nach Berechnungen der Deutschen Bank jährlich knapp 8 % ein. Zwischen Mai und Ende September gibt es dagegen einen Verlust von 1 %.

Auch auf die 90er Jahre beschränkt sind die Ergebnisse eindrucksvoll, wie Klaus Deppermann von der BHF-Bank zeigt: Trotz des fast durchgehenden Aufwärtstrends ist in fast allen Jahren eine ausgeprägte Saisonalität zu erkennen. Denn außer in den Hausse-Jahren 1993 und 1995 kam es in jedem Jahr ab Mai - spätestens ab Anfang August - zu einer Schwächephase.

Die saisonale Struktur wird auch in der vom Handelsblatt errechneten Dax-Grafik deutlich. Die Durchschnittskurse zwischen 1996 und 2001 kannten im Spätsommer nur eine Richtung: nach unten. Auf Deutschland und Europa bezogen ist die Regel "Sell in July and go away" also korrekter. Zwischen Mai und Juli gab es in der Vergangenheit eine positive Performance - wenn auch schwächer, als im Herbst und Winter.

Plausible Gründe für den Jahreszyklus gibt es viele. Gegen feste Börsenregeln spricht allerdings, dass Anleger immer versuchen, die Zukunft vorwegnehmen. "Aus dem Mai-Effekt wird dann ein April-Effekt und danach ein März-Effekt, wenn Anleger glauben, dass die Börsen einknicken werden", sagt Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Viele Investmentbanken setzen sich dennoch mit dem Mai-Effekt auseinander und glauben auch in diesem Jahr an ihn. Deshalb überwiegt Skepsis. "Die aktuelle Bewertung an den internationalen Aktienmärkten, insbesondere bei den nach Marktkapitalisierung und damit Indexgewicht immer noch schwergewichtigen TMT-Werten, gibt zumindest Anlass zur Besorgnis", meint das Anlage-Strategieteam für Privatkunden der Deutschen Bank.

Tech-Aktien zu hoch bewertet

Fast alle Investmenthäuser halten TMT-Aktien (Technologie-, Medien und Telekommunikationswerte) nach der Rally seit September vergangenen Jahres für zu hoch bewertet. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis sind die im amerikanischen S & P- 500-Index enthaltenen High-Tech-Werte auf Grund der reduzierten Gewinnschätzungen inzwischen höher bewertet als auf dem Höhepunkt der Technologieblase im März 2000. "Ohne neue Impulse könnte der US-Aktienmarkt seine Tiefstände nach dem 11. September nochmals testen", sagt SEB-Stratege Oliver Fischer.

Chancen sieht Fischer in ausgewählten Aktien von Unternehmen, die zuletzt ein über den Erwartungen liegendes Quartalsergebnis vermeldet haben. Dazu zählt er BMW. Der Aktienkurs stieg zuletzt auf ein Allzeithoch. Auch Merrill Lynch, M.M. Warburg und Lehman Brothers rieten in den vergangenen Tagen zum Kauf. Auf Automobil-Aktien als Profiteure eines erwarteten Konjunkturaufschwungs setzen viele Bankhäuser. Im Fokus guter Kommentare steht derzeit auch Daimler-Chrysler (Sal. Oppenheim, Hypo-Vereinsbank, BNP Paribas, J.P.Morgan, CSFB, M.M. Warburg).

Die Deutsche Bank sieht allerdings auch zyklische Titel der "Old Economy" vom Mai-Effekt gefährdet. Nach der guten Kurs-Performcance seit Jahresanfang seien Bewertungen erreicht, die "weitere Kursavancen kurzfristig schwer vorstellbar erscheinen lassen". Skepsis herrscht gegenüber dem US-Markt aufgrund der "hohen Bewertung des Gesamtmarktes und der Mehrzahl der Aktien". Für Europa seien die Aussichten zwar etwas besser. Doch auch hier werde erst die Einpreisung der Gewinnerwartungen für 2003 weiteres Kurspotenzial eröffnen.

Bis dahin vergehen allerdings noch einige Monate. Deshalb könnte sich auch Teil zwei der alten Börsenregel bestätigen. Danach starten die Kurse ab Oktober wieder durch.

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