Aktien leiden immer noch unter der Kursblase: Warum die Börsen nicht steigen

Aktien leiden immer noch unter der Kursblase
Warum die Börsen nicht steigen

Alle Augen der Börsianer sind auf den Irak gerichtet. Die Finanzgemeinde hofft, dass ein kurzer Krieg die Baisse beenden wird. Möglicherweise blicken Investoren aber in die falsche Richtung.

NEW YORK. Sicher: Die Angst vor Krieg und Terror belastet die Aktien. Viele Anleger wollen vor Beginn eines Konflikts keine Aktien kaufen. Es lohnt sich eine langfristige Betrachtung. Dann zeigt sich, dass viele Aktien noch immer unter einer der größten Kursblasen der Geschichte leiden. Diese Blase platzte vor drei Jahren. Damals wussten Anleger allerdings noch nicht, dass die Indizes in den großen Industriestaaten zwischen 32 % (Dow Jones) und 95 % (Neuer Markt) an Wert verlieren werden.

Ein schneller Aufschwung, das zeigt ein Blick in die Vergangenheit, ist jetzt nicht zu erwarten. Denn immer wenn Kursblasen geplatzt sind, blieben Aktien über lange Zeit am Boden. Deshalb lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit mindestens ebenso gründlich wie eine Auseinandersetzung mit den Ängsten eines möglichen Irak-Kriegs.

"Der Irak ist eine kurzfristige Angelegenheit. Die Märkte sind davon betroffen, weil die ganze Sache die Menschen berührt. Doch auf lange Sicht bestimmen die Fundamentaldaten den Wert von Aktien. Und in dieser Hinsicht ist der Irak fast belanglos", sagt Jeremy Grantham, Mitgründer der US-Vermögensverwaltung Grantham, Mayo, Van Otterloo in Boston. Grantham hatte schon in den 90er Jahren vor einem nahenden Bärenmarkt gewarnt.

Robert Shiller, Volkswirtschaftsprofessor an der Yale Universität, glaubt ebenfalls nicht, dass ein schneller Irak-Krieg zu einem Kurssprung führen wird. "Wir haben eine Kursblase erlebt, die tiefe Spuren bei den Anlegern hinterlassen hat. Die Leute sind jetzt einfach noch nicht bereit, ihr Verhalten zu ändern." Viele Anleger würden immer noch zu viel von Aktien erwarten, betont Shiller. Deshalb seien neue Enttäuschungen zu erwarten, die zu einem weiteren Kursverfall führen könnten. Das heißt sicherlich nicht, dass die Kurse nochmals dramatisch einbrechen werden. Vermögensverwalter Grantham fand heraus, dass das Platzen einer Blase ebenso lange dauert wie ihr Entstehen. Angenommen, die letzte Blase begann 1996 - wofür vieles spricht. Dann könnte es bis Ende 2003 dauern, ehe der Markt seine faire Bewertung erreicht hat. Begann der Bullenmarkt aber bereits Anfang der achtziger Jahre - wofür ebenfalls viel spricht - dann dauert die aktuelle Baisse noch über 15 Jahre. Dabei ergibt sich ein weiteres Problem: Die Märkte haben bislang ihren Verfall selten gestoppt, als der faire Wert erreicht war. Stattdessen sind sie weit über das Ziel hinaus geschossen. Dem Platzen der Blase folgt die negative Übertreibung.

Beispiele für derartige Rechnungen gibt es genügend. So folgte auf den Crash von 1929/30 ein Bären- und Seitwärtsmarkt, der bis 1942 anhielt. Die darauf folgende Hausse dauerte bis 1966. Dann hatten die Anleger wieder unter einer Baisse und einem Seitwärtsmarkt bis 1982 zu leiden. Im Anschluss folgte - mit einigen Unterbrechungen - der riesige Bullenmarkt, der ab 2000 in sich zusammenbrach. Vor diesem Hintergrund wäre es schon fast ein Wunder, wenn die Baisse diesmal nach nur drei Jahren zu Ende geht.

Ihren Tiefpunkt hatten die Aktienkurse in Europa vor einigen Wochen - in den USA im Oktober - erreicht. Ob dies ein dauerhaftes Tief oder nur ein Zwischentief ist, lässt sich noch nicht sagen. Der Tiefpunkt der siebziger Jahre lag im Jahr 1974. Es dauerte dann aber immer noch acht Jahre, bis sich die Märkte nachhaltig erholten.

Ray Dalio, Chef des amerikanischen Vermögensverwalters Bridgewater Associates, glaubt, dass Aktien völlig überteuert waren. Inzwischen seien sie wieder vernünftig bewertet. Aber, so schränkt Dalio ein: "Billig sind sie deshalb aber noch lange nicht."

Mitarbeit: Ulf Sommer, Handelsblatt

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