Aktien mit staatlichem Einfluss bergen zusätzliche Risiken
Der Mythos der Volksaktie ist verblasst

Volksaktien sind dieser Tage in aller Munde: die Deutsche Telekom und das Gezerre um ihren Chef; die Deutsche Post und das niedrigere Porto, das die Regulierungsbehörde vorschreibt. Die Kursentwicklung der beiden Ex-Monopolisten lässt bei den Anlegern auch keine Freude aufkommen. Beide Papiere notieren weit unter Ausgabekurs.

HB DÜSSELDORF/ FRANKFURT. Die ganze Entwicklung gab es ähnlich schon einmal, nämlich bei den Pionieren der "Volksaktien" Preussag, Volkswagen und Veba Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre. "Auf die Euphorie folgte damals wie heute die Enttäuschung", sagt Paul Thomes, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Aachen. "Die Volkswagen-Papiere stiegen erst kräftig an, dann fielen sie, die Kleinanleger waren enttäuscht und verkauften die Aktien meist wieder mit Verlust", sagt Felix Pieplow, unabhängiger Finanzmarktanalyst. Das Problem sei, dass die breite Masse die Nachricht von der guten Entwicklung der Papiere erst dann erreiche, wenn es für einen Kauf schon zu spät sei, meint Pieplow.

Damals wie heute lockten die privatisierten Unternehmen die Anleger mit dem Begriff der Volksaktie und Sonderkonditionen. Geändert habe sich allerdings die Bedeutung der Volksaktie, sagt Thomes. Früher habe man mit der "Volksaktie" die Aktie als Geldanlage einer breiten Bevölkerung näher bringen wollen. "Heute wird mit diesem Begriff aber auch Sicherheit und die Teilhabe an den Unternehmensgewinnen suggeriert", sagt er.

Und genau da liegt das Problem: Viele Anleger glauben, dass Volksaktien ein besonders sicheres Investment seien. Denn der Staat mische ja mit. Immerhin hält der Bund bei der Post direkt und indirekt 70 % der Aktien, bei der Telekom sind es über 40 % und bei Volkswagen hält das Land Niedersachsen über vierzig Jahre nach der Teilprivatisierung noch 20 %. Bei der ehemaligen Preussag, jetzt Tui, hingegen spielt der Einfluss der Politik keine Rolle mehr, da der Konzern mittlerweile vollständig privatisiert ist. Aus Veba wurde Eon - ebenfalls ohne Staatseinfluss.

"Der Begriff der Volksaktie ist populistisch und nichts anderes als ein Marketinginstrument", sagt Harald Sporleder, Fondsmanager Europa beim Deutschen Investment Trust (Dit). "Der Begriff gaukelt eine Sicherheit vor, die es nicht geben kann. Diese Titel unterscheiden sich in Chancen und Risiken nicht von anderen Aktien", sagt Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts (DAI).

Nach Meinung der Experten ist oft sogar das Gegenteil der Fall: Dadurch, dass ehemalige Staatsbetriebe wie Telekom und Post früher ein Monopol in ihrem Bereich hatten, kommt ein Regulierungsrisiko hinzu. So etwa geschehen bei der Post, die momentan mit einem Bußgeld der EU-Kommission und der vorgeschriebenen Portosenkung zu kämpfen hat. "Die momentanen Interventionen des Staates bei Post und Telekom sind übertrieben und nicht nachzuvollziehen", sagt Thomas Meier, Fondsmanager bei Union Investment. Gerade diese aktuellen Beispiele zeigen nach Meinung der Experten, wie abhängig Post und Telekom noch von politischen Entscheidungen seien. Meier zweifelt zudem daran, ob der Staat immer im Interesse der übrigen Aktionäre handelt. "Der Staat als Aktionär vertritt nicht unbedingt immer die gleichen Interessen wie die übrigen Aktionäre. Zum Beispiel wirkt er auf die Erhaltung eines bestimmten Standortes eines Unternehmens ein, obwohl das wirtschaftlich für das Unternehmen keinen Sinn macht", erklärt er.

"Es ist grundsätzlich schlecht, wenn die Politik bei den Unternehmen mitredet", sagt auch Sporleder. Auch für die Zukunft sehen die Experten Gefahren. Denn der Staat hat natürlich ein Interesse, mit weiteren Privatisierungen Kasse zu machen. "Ich sehe durchaus die Gefahr, dass der Staat sich den Zugang zum Kapitalmarkt durch diese Interventionen verbaut, weil die Nachfrage nach Titeln privatisierter Unternehmen künftig leiden könnte", meint Meier. "Ausländische Investoren haben kein Verständnis für Eingriffe aus der Politik", ergänzt Sporleder.

Zumindest in näherer Zukunft erwarten die Experten keinen nachhaltigen Aufwärtstrend bei der T-Aktie und der Aktie Gelb. Bis die VW-Papiere ihren anfänglichen Höhenflug wiederholen konnte, dauerte es fast zwanzig Jahre. Fondsmanager Meier: "Auch bei der Post und der Telekom werden Anleger lange warten müssen, bis die Höchststände wieder erreicht werden."

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