Aktien-Rücknahme für mindestens 20 Milliarden Dollar
Verkaufsoptionen lassen Firmen zittern

Kirch und Mobilcom sind keine Einzelfälle: Viele Unternehmen können unter Druck geraten, weil sie Aktien, mit denen sie in Zeiten des Booms Übernahmen günstig finanziert haben, jetzt für teures Geld zurückkaufen müssen.

hz FRANKFURT/M. Die Rache der Börse kommt zur Unzeit: Viele Konzerne müssen in den kommenden Monaten Aktien für sehr viel Geld zurückkaufen, weil sie während der Börsenhausse Übernahmen mit eigenen Aktien finanziert und den Verkäufern damals Verkaufsoptionen zu festen Preisen eingeräumt haben. Dazu zählen nicht nur die ohnehin angeschlagene Kirch-Gruppe, sondern auch Börsengrößen wie Telecom Italia oder France Télécom. Selbst General Motors ist indirekt mit den teuren Folgen von Verkaufsoptionen konfrontiert. Sie alle sitzen auf Milliarden schweren Verträgen, auf Grund derer sie zur Übernahme von Aktienpaketen gezwungen werden können.

Dadurch können auf die betroffenen Konzerne Kosten von mindestens 20 Mrd. $ zukommen, so Berechnungen von Bloomberg. Denn die Basispreise für die Optionen wurden teilweise noch während der Hausse an den Börsen festgelegt - und übertreffen deswegen den aktuellen Marktwert dramatisch. Das schwächt die Bonität der zumeist verschuldeten Firmen erneut.

Besonders betroffen sind die Telekommunikationsunternehmen, die nahezu alle mit erheblichen Schuldenlasten zu kämpfen haben. Beispiel France Télécom: Auf den mit 65 Mrd. Euro verschuldeten Ex-Monopolisten kommen nach Schätzung von Experten Kosten von mehreren Milliarden Euro zu, falls Vertragspartner alle ihre Optionen einlösen. Denn nicht nur beim Deal mit Mobilcom arbeiteten die Franzosen mit Verkaufsoptionen. Auch beim Erwerb des britischen Mobilfunkers Orange gab France Télécom eigene Aktien aus. Jetzt droht der Deal den Franzosen an die Substanz zu gehen. Denn sie müssen 41,7 Mill. ihrer Aktien von der Orange-Mutter Vodafone für 100 Euro pro Stück zurückkaufen. An der Börse kostet das Papier keine 32 Euro - macht eine Differenz von 2,8 Mrd. Euro. Hinzu kommt auch noch das Orange-Paket, dass der deutsche Energiekonzern Eon aus den Zeiten seines Telekomabenteuers hält. Hierfür müssen die Franzosen im Juni 950 Mill. Euro zahlen - etwa 200 Mill. Euro mehr, als das Paket derzeit wert ist. Außerdem kann die Deutsche Telekom die Franzosen im nächsten Jahr zwingen, ein Paket von 20,5 Mill. eigener Aktien zum Marktpreis zurückzunehmen. "Das ist ein Worst-Case-Szenario", beschwichtigt eine France-Télécom-Sprecherin.

Die Deutsche Telekom hat schmerzhaft erfahren müssen, wie schnell aus solcher Theorie kostspielige Praxis werden kann. Anfang des Jahres mussten die Bonner früher als geplant die zweite Hälfte der Anteile am Debis-Systemhaus von Alteigentümer Daimler-Chrysler kaufen - für satte 4,6 Mrd. Euro. "Wenn die Kurse in den Himmel klettern, geben Finanzvorstände gerne Optionen aus, weil sie meinen, ihre geniale Unternehmenspolitik habe die Aktien nach oben gebracht und nicht etwa die allgemeine Hausse", kritisiert ein Fondsmanager die Finanzierungspraxis.

Auch Telecom Italia muss sich darauf einstellen, Optionen ihrer Fusionsberater einzulösen. Die inzwischen mit J.P. Morgan fusionierte Investmentbank Chase Manhattan will 2005 ihr Recht ausüben, ein großes Aktienpaket des mit Telecom Italia fusionierten Telefonbuch- und Internetanbieters Seat PG deutlich über derzeitigen Marktpreisen an die Italiener zurückzugeben.

Doch auch außerhalb der Telekombranche dürfte sich über so manche Verkaufsoption inzwischen der Verkäufer deutlich mehr als der Erwerber freuen. Da ist natürlich das Beispiel Springer-Kirch: Auslöser der akuten Krise des Münchner Kirch-Konzerns war die Verkaufsoption, die Springer für 11,5 % der Pro Sieben Sat1-Aktien hat und im April einlösen will. Dafür hat Kirch einen Rückkaufpreis von 775 Mill. Euro vereinbart, die Aktien sind aber nur noch etwa ein Siebtel der Summe wert.

Dass derartige Schecks auf die Zukunft sich als teure Wechsel entpuppen können, bekommt auch der Medienriese AOL Time Warner zu spüren. Der US-Konzern zahlt Bertelsmann bis zum Sommer rund 6,75 Mrd. $ in bar für 49,5 % am Internet-Provider AOL-Europe. Der ehemals auf bis zu 16,5 Mrd. $ taxierte AOL-Europaableger würde heute 2 bis 5 Mrd. $ kosten - komplett wohlgemerkt.

Doch es gibt auch Traditionskonzerne, die sich auf riskante Geschäfte mit Optionen eingelassen haben. So räumte der US-Autoriese General Motors bei seinem Einstieg bei Fiat den Italienern ab 2004 fünf Jahre lang die Möglichkeit ein, ihre Autosparte zu einem marktgerechten Preis an GM zu verkaufen. Das Versprechen könnte die Amerikaner teuer zu stehen kommen.

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