Aktienemissionen sollen transparenter werden
Analysten winkt riskante Unabhängigkeit

Die Wall Street verhandelt derzeit mit der US-Börsenaufsicht über eine Neuorganisation der Unternehmens-Analyse. Die Zeichen deuten auf eine weitgehende Abtrennung der Research-Abteilungen hin. Damit sollen künftig Interessenkonflikte der Analysten vermieden werden. Allerdings würde dem Research damit die Finanzierungsgrundlage entzogen.

HB NEW YORK. Die führenden Investmentbanken an der Wall Street stellen sich auf eine stärkere Trennung der Unternehmensanalyse (Research) vom Investmentbanking ein. Wie aus Kreisen der beteiligten Banken zu hören ist, werden derzeit drei Modelle mit der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) diskutiert. Die Spannweite der Vorschläge reicht von einer strikten Trennung zwischen Analysten und Investmentbankern innerhalb der Häuser bis hin zur kompletten Auslagerung der Research-Abteilung in ein eigenständigen Gesellschaften.

Die neue Regelung, die nach den Kongresswahlen am 5. November der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll, ist eine direkte Folge der zahlreichen Wirtschaftsskandale in den USA. Analysten haben während der Boomzeit der 90-er Jahre Unternehmensaktien aus Gefälligkeit zum Kauf empfohlen, obwohl die Firmen intern bereits als Problemfälle galten. Auf diese Weise sicherten sich die Investmentbanken lukrative Beratungshonorare für Fusionen und Börsengänge.

In die Kritik geraten ist zudem die Zuteilung von Aktien bei Neuemissionen. Die Wall-Street-Firmen haben zahlreiche Manager mit so genannten "heißen" Aktien von Börsenaspiranten versorgt, um die exklusive Kundschaft bei der Stange zu halten. Die Behörden wollen auch diesen Missstand beseitigen. Die Investmentbanken haben bereits signalisiert, dass sie künftig den Zuteilungsprozess transparenter machen wollen. "Dieses Problem ist nicht mehr so drängend", sagt ein mit dem Vorgang befasster Banker.

Komplizierter ist hingegen eine Neuregelung der Unternehmens-Anlayse. Hank Paulson, Chef von Goldman Sachs, macht für die aufgedeckten Interessenkonflikte der Analysten den Druck von Seiten der Unternehmen verantwortlich. So verlieren Analysten nach negativen Berichten häufig den Zugang zu Firmenchefs. "Es ist für unsere Branche schwierig, die Analysten von dem manchmal intensiven Druck der Investmentbank-Kunden abzuschirmen", sagte Paulson in einer Rede vor institutionellen Investoren in Washington. Die Regulierungsbehörden müssten sicherstellen, dass die Analysten allein dem Interesse der Investoren dienten, forderte er.

Paulson spielt zusammen mit Citigroup-Chef Sandy Weill eine Schlüsselrolle in den Gesprächen mit der SEC und hat sich kürzlich mit dem Behördenchef Harvey Pitt getroffen. Dem Vernehmen nach sind in die Verhandlungen von Seiten der Wall Street auch die Chefs von Morgan Stanley und Merrill Lynch eingebunden. Für Merrill ist das bereits der zweite Anlauf. Hatte sich die Bank doch bereits mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer auf eine Neuorganistation des Research und eine Zahlung von 100 Mill. Dollar geeinigt. Rückblickend erscheint das als teurer Fehler.

Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzen neben Pitt und Spitzer noch Vertreter der New York Stock Exchange (NYSE) und der Standesorganisation National Association of Securities Dealers (NASD). Die Regulierungsbehörden haben sich nach anfänglichem Fingerhakeln darauf geeinigt, an einem Strang zu ziehen.

Der weitestgehende Vorschlag läuft auf eine völlige Abtrennung der Unternehmensanalyse vom restlichen Bankgeschäft hinaus. Spitzer und sein Kollege William Galvin aus dem Bundestaat Massachusetts befürworten diesen Vorschlag, um alle denkbaren Interessenkonflikte zu vermeiden. Pitt hat ebenfalls seine Sympathie angedeutet. Festgelegt hat er sich noch nicht. Allerdings würde dem Research damit die Finanzierungsgrundlage entzogen. Denn bislang sind weder institutionelle Kunden noch Kleinanleger bereit, für Unternehmensanalysen direkt zu bezahlen. Die Researchleistungen wurden deshalb vor allem vom Investmentbanking quersubventioniert. Experten wie Nita Sanger von der New Yorker Beratungsfirma Freeman & Co. rechnen im Fall einer Abtrennung der Research-Abteilungen mit massiven Entlassungen von Analysten.

Einen Mittelweg hat die Citigroup vorgeschlagen: Sie will die Research-Abteilung auslagern, aber innerhalb der Gruppe belassen und durch deren Einnahmen finanzieren. Andere Banken bezweifeln, ob sich damit die verärgerten Anleger überzeugen lassen. Auch Citigroup-Chef Weill soll inzwischen nicht mehr von seiner Idee überzeugt sein.

Am liebsten würde die Wall Street einen Vorschlag der New Yorker Börse aufgreifen. Die Börse hat vor kurzem angeregt, die Kommunikations- und Finanzierungswege zwischen Analysten und Investmentbankern völlig zu kappen. So soll das Research nicht mehr vom Geschäft mit Fusionen und Börsengängen beeinflusst werden. Die Regulierer werden jedoch vermutlich nur eine Lösung akzeptieren, die auch nach außen die die Unabhängigkeit des Research sichtbar macht. Goldman-Chef Paulson bietet deshalb an, die Unternehmensanalyse für die Privatanleger völlig von der Investmentbank abzutrennen, das Research für institutionelle Investoren aber unter dem alten Dach zu belassen.

Quelle: Handelsblatt

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%