Aktienexperten müssen neue Anlageurteile mit Unternehmen abstimmen
Kritik an Analysepraxis der Banken nimmt zu

Anlegerschützer sehen die Objektivität der Analysearbeit in den Banken gefährdet. Die Kritik richtet sich gegen die Praxis, Anlageurteile im Vorfeld abzustimmen.

tmo/Bloomberg DÜSSELDORF / LONDON. Diese Vorgabe gilt zum Beispiel für die Analysten von J.P. Morgan Chase & Co. Dort hat Peter Houghton, Leiter des europäischen Research, seine Analysten angewiesen, dass sie sich Änderungen ihrer Anlageurteile von den betroffenen Unternehmen und den Investmentbankern im eigenen Haus genehmigen lassen müssen.

Alle J.P.-Morgan-Analysten weltweit müssen künftig Vorabkopien ihrer Studien an die Investmentbanker und Firmen schicken. Änderungswünsche der Unternehmen muss der Analyst entweder einarbeiten oder klar darlegen, warum dies nicht möglich ist.

J. P. Morgan ist kein Einzelfall. "Dass Studien im Vorfeld abgestimmt werden, ist absolut üblich in der Branche", sagt Ernst Scheerer, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein in Frankfurt. Auch bei der DG Bank würden Studien vor der Veröffentlichung an die Unternehmen geschickt, sagte ein dort angestellter Analyst.

Nach Ansicht von Anlegerschützern gefährden solche Auflagen die Unabhängigkeit der Analysten. "Es sieht so aus, als ob die Empfehlungen der Analysten zunehmend von den Unternehmenszielen bestimmt sind und nicht davon, den Kunden den bestmöglichen Rat zu geben," sagt Nigel Lanning, Fondsmanager bei Dresdner RCM in London.

Die Unternehmen sind eine wichtige Kundengruppe für die Banken. Denn das Investmentgeschäft mit Börsengängen und Zweitemissionen macht einen wachsenden Anteil am Gewinn der Institute aus. Es ist mittlerweile gängige Praxis, dass die Analysten als Türöffner bei potenziellen Kunden agieren, um Emissionen und M&A-Transaktionen an Land zu ziehen.

Fondsmanager sehen Objektivität gefährdet

"Manchmal beschweren sich Unternehmen, wenn sie herabgestuft werden sollen", erläutert ein Analyst, der nicht genannt werden will, den Interessenkonflikt. Auch von der Investmentabteilung gehe zuweilen Druck aus, keine allzu kritischen Urteile zu veröffentlichen.

"Das Vorgehen von J.P. Morgan ist plumper und ungeschickter als alles, was ich erlebt habe," empört sich John Coffee, Rechtsprofessor an der Universität Columbia und Berater des früheren Chefs der US-Börsenaufsicht (SEC), Arthur Levitt.

Nick O'Donohoe, Leiter europäische Aktien bei J.P. Morgan bestreitet, dass Investmentbanker und Unternehmen die Macht haben, Research-Berichte zu ändern. "Unsere größte Herausforderung ist es, Unternehmen und manchmal auch Investmentbankern, die unsere Empfehlungen beeinflussen wollen, in die Schranken zu verweisen", sagte O'Donohoe in einem Interview.

In den USA haben einige Analysten offenbar wegen kritischer Urteile ihre Jobs verloren. Michael Mayo, Bankanalyst bei Credit Suisse First Boston und im vergangenen Jahr vom Magazin Institutional Investor zum zweitbesten Analysten gekürt, war im Mai 1999 mit Verkaufsempfehlungen für vier Banken negativ aufgefallen. Er konnte gehen und wurde durch Susan Roth ersetzt, die vier Aktien auf Kaufen und zehn Aktien auf Halten stehen hat.

Auch kommt von den Analysten nur ganz selten eine Verkaufsempfehlung: Nur 1,3 % der 26 600 Empfehlungen, die Thomson Financial/First Call aufgelistet hat, sind Verkaufsempfehlungen. CSFB-Sprecherin Victoria Harmon, bestreitet, dass es eine ähnliche Politik wie bei J.P. Morgan gebe. Ein Sprecher von Goldman Sachs wollte sich nicht äußern. Mary Ellen Hillery, Sprecherin bei Salomon Smith Barney, sagte: "Unsere Analysten verständigen höflichkeitshalber die Investmentbanker, wenn sie über ein Unternehmen was veröffentlichen," sagt sie, "aber es gibt keine Diskussionen um ihre Studien."

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