Aktienkultur hat in Japan Seltenheitswert – Nur vereinzelt proben Privatanleger den Aufstand
Die Stunde des Herrn Kawaguchi

Über 2 000 Hauptversammlungen haben Japans Unternehmen am Donnerstag veranstaltet. Mit dieser Konzentration wollen sie die Teilnahme von Erpresserbanden verhindern, die jahrzehntelang Aktionärstreffen für ihre Auftritte nutzten. Aber auch ohne diese so genannten Sokaiya kann von einer Aktionärskultur keine Rede sein - noch nicht.

TOKIO. Vierzig Minuten sind auf der Hauptversammlung des Autobauers Mitsubishi Motors vergangen, als die Standardfrage kommt: "Irgendwelche Anmerkungen von Seiten der Aktionäre?" Ein älterer Herr meldet sich: "Mein Name ist Kawaguchi, Anmeldenummer 33", stellt er sich vor. Sechs Fragen habe er. Und dann kritisiert er Qualitätsprobleme, Bonuszahlungen für die Führungsebene und die in diesem Jahr wieder einmal fehlende Dividende. "Wir müssen doch auch leben", meint Herr Kawaguchi. Seine Fragen sind schnell beantwortet, und es sollen die einzigen bleiben. Sonst möchte niemand im nur spärlich gefüllten Saal etwas anmerken. Aber das sei schon eine Steigerung, merkt der Reporter eines japanischen Wirtschaftsmagazins gelangweilt an. "Im vergangenen Jahr hat trotz katastrophaler Ergebnisse gar keiner etwas gesagt."

So oder ähnlich wird es auf der Hauptversammlung von weit mehr als 2 000 Unternehmen zugegangen sein, die gestern ihre Aktionäre zum jährlichen Treffen luden - über 70 % der gelisteten Firmen an einem einzigen Tag. Mit dieser Konzentration wollen die Firmen es den berüchtigten und organisierten Erpressergruppen möglichst schwer machen, an den Hauptversammlungen teilzunehmen. Zwar hat die Zahl der so genannten Sokaiya deutlich abgenommen. Doch ihr Einfluss ist noch immer spürbar; denn eine kritische Aktionärskultur wie im Westen ist in Japan kaum zu finden. Die Einschüchterung aus früheren Zeiten wirkt nach.

In Deutschland nehmen Kleinanleger und deren Vertreter die Vorstandsriege stundenlang in die Zange, wenn sie mit den Vorstandschefs unzufrieden sind. Nicht so in Japan. Vereine für Kleinaktionäre gibt es hier nicht. Statt dessen immer noch Überbleibsel der einst so mächtigen Sokaiya, organisierter Erpressergruppen, die den Unternehmen gegen Schutzgeld jahrzehntelang versprachen, ihre Hauptversammlung werde ohne Störungen ablaufen. Wer sich dennoch zu Wort meldete, wurde von den Sokaiya niedergebrüllt.

Zahlten Unternehmen nicht, torpedierten Sokaiya-Vertreter die Hauptversammlung, gaben die Mikrophone stundenlang nicht aus der Hand und plauderten aus oft gut informierter Quelle über den Seitensprung des Vorstandschefs oder krumme Firmengeschäfte. Renommierte Firmen wie Nomura, Mitsubishi Electric, Hitachi oder Kobe Steel griffen deshalb lieber in die Tasche, obwohl solche Zahlungen seit 1982 verboten sind.

Vor wenigen Jahren flogen viele dieser Bestechungen auf. Die Gesetze wurden 1997 verschärft. Erst vor wenigen Tagen wurden zwei Männer wegen versuchter Erpressung des Metallverarbeiters Mitsubishi Materials festgenommen. Sie hatten in einem Brief um ein Treffen mit dem Firmenchef gebeten, denn sie wollten ja auf der Hauptversammlung "nicht unbedingt" Fragen zu einer bestimmten Verwertungsanlage des Unternehmens stellen.

Widerstand wächst

Es gibt sie noch, die Sokaiya, aber in Zeiten von Verlusten und Entlassungen sind die Firmen nicht mehr gewillt, für Ruhe auf der Hauptversammlung zu zahlen. Im vergangenen Jahr lobten japanische Medien Nissan-Chef Carlos Ghosn dafür, dass er die Sokaiya durch offene Antworten einfach entwaffnet habe. Nissan hat seine Hauptversammlung wie Toshiba und Sony eine Woche vor den Peak-Tag gelegt. Dazu gehen immer mehr Firmen über, um Privatanlegern die Möglichkeit zu geben, an verschiedenen Aktionärstreffen teilzunehmen.

Bisher halten Privatanleger gut ein Viertel aller Aktien in Japan. Da Banken und andere institutionelle Investoren sich aber zunehmend von ihren Aktienpaketen trennen, bemühen sich viele Unternehmen auf der Suche nach neuen Investorenschichten in jüngster Zeit auf ungewohnte Weise um sie. Die Spielehersteller Namco und Square legten ihre Aktionärstreffen extra auf den Sonntag, damit auch Angestellte kommen konnten. Und dass Privatanleger Missmanagement oder Verluste nicht mehr ohne Kritik hinnehmen, zeigten die harschen Fragen auf den Hauptversammlungen der Mizuho Bank oder des Mobilfunkanbieters NTT Docomo.

Bei Mitsubishi Motors allerdings sind diese neuen Zeiten noch nicht eingekehrt. Nachdem Herrn Kawaguchis Fragen abgearbeitet sind, wird über die Tagesordnung abgestimmt. Nach jedem Punkt rufen die Aktionäre auf die Frage "Sind sie damit einverstanden?" synchron "Ja" und klatschen Beifall. Das Ganze wiederholt sich fünf Mal. Dann ist die Veranstaltung eigentlich zu Ende. Der neue Präsident Rolf Eckrodt hält noch eine Rede - Fragen jedoch wurden ihm keine gestellt. So werden zumindest 60 Minuten überschritten - Hauptversammlung auf Japanisch.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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