Aktienkurs bricht ein
Thiel Logistik senkt Prognosen drastisch

Der Logistikdienstleister Thiel Logistik hat seine Prognosen für das laufende Geschäftsjahr drastisch gesenkt und damit einen Kurssturz der Aktie von mehr als 58 Prozent auf ein Rekordtief von zwei Euro ausgelöst.

Reuters GREVENMACHER. Thiel rechne nun für 2002 nur noch mit weniger als einem Viertel des ursprünglich anvisierten operativen Gewinns, teilte die Luxemburger Gesellschaft am Freitag mit. Es werde ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 25 Millionen Euro und ein Umsatz von 1,45 Milliarden Euro erwartet. Zuvor hatte das Schwergewicht am Neuen Markt noch mit einem Umsatz von 1,62 Milliarden Euro und einem Ebit von 109 Millionen Euro gerechnet.

Insbesondere Managementfehler bei der Schweizer Tochter Brechtbühl hätten die massiven Korrekturen bei der Jahresplanung erfordert, hieß es. "Die Ergebnisse sind erst gestern aus der Schweiz nach Luxemburg gekommen und haben uns selbst überrascht", sagte Finanzvorstand Rudolphe Schoettel am Freitagnachmittag in einer Telefonkonferenz. Analysten zeigten sich von der Senkung der Prognosen schockiert und sprachen von einem erheblichen Vertrauensverlust.

"Unvorhersehbare Ereignisse"

Thiel begründete die deutliche Senkung der Prognosen mit "unvorhersehbaren Ereignissen". Nach einer ersten Analyse der vorläufigen Zahlen für das zweite Quartal hätten insbesondere Managementfehler bei Brechtbühl deutliche Berichtigungen nötig gemacht. Man habe sich vor einiger Zeit von dem Management in der Schweiz getrennt und dann ein Steuerungsgremium eingesetzt, sagte Schoettel.

Nach Angaben von Thiel wirkten sich zudem die Folgen einer unerwartet schwachen Branchenkonjunktur im Bereich Mode-Logistik negativ auf die Jahresprognose aus. "Wir haben keine Kundenverluste und wir haben kein Qualitätsproblem, wir haben hier ein Mengenproblem", sagte Konzernchef Günther Thiel. Darüber hinaus seien die Einmalkosten für die Integration der im Januar übernommenen Birkart höher ausgefallen als angenommen. Ursprünglich waren Integrationskosten zwischen zehn und 15 Millionen Euro angenommen worden. Die genaue Höhe der zusätzlichen Aufwendungen wollte der Vorstand nicht beziffern.

"Alle Risiken, die wir derzeit sehen können, sind in den Prognosen drin", sagte Thiel. Nach eigenen Angaben will das Unternehmen ab dem nächsten Jahr wieder zur bisherigen Profitabilität zurückkehren. 2001 hatte Thiel einen Umsatz von 901,7 Millionen Euro und ein Ebit von 65,1 Millionen Euro erzielt.

Operatives Ergebnis im zweiten Quartal eingebrochen

Im zweiten Quartal verzeichnete Thiel nach vorläufigen Zahlen einen Ebit-Einbruch auf rund vier (Vorjahr: 16,1) Millionen Euro und einen Umsatz von 355 (281,8) Millionen Euro. Für das erste Halbjahr ergebe sich damit ein Umsatz von leicht über 700 (411,4) Millionen Euro und ein Ebit von etwas mehr als 20 (25,9) Millionen Euro.

Der Bestand an liquiden Mitteln habe sich zum 30. Juni im Vergleich zum Ende des ersten Quartals, in dem er 112 Millionen Euro betragen habe, "deutlich erhöht". Eine konkrete Zahl konnte ein Thiel-Sprecher nicht nennen. Es gebe keine Probleme mit den großen Kreditbanken, sagte Schoettel. "Sie geben uns Sicherheit und sie vertrauen uns noch immer", sagte er. Die aktuelle Kreditposition sei unverändert zu früheren Zeiten und liege bei rund 200 Millionen Euro, sagte er.

Analysten sind schockiert und irritiert

"Ich bin schockiert über die Zahlen", sagte Analyst Wilhelm Müller von der Landesbank Rheinland-Pfalz. "Branchenkonjunktur und Missmanagement scheinen keine ausreichende Begründung dafür zu sein, warum jetzt 84 Millionen Euro bei der Ebit-Planung fehlen", sagte Müller.

Auch nach der Telefonkonferenz zeigten sich Analysten irritiert. "Es ist sehr schwer zu glauben, dass man erst gestern davon erfahren hat, zumal es in der Schweiz einen Managementwechsel gegeben hat. Schließlich schaut man sich die Zahlen im Zusammenhang mit einem solchen Schritt normalerweise besonders gut an", sagte Markus Hesse von der HypoVereinsbank.

Ende Juni war Thiel in die Schlagzeilen geraten, nachdem langjährige Großaktionäre große Teile ihrer Aktienpakete bei dem damals schon niedrigen Kursniveau veräußert hatten und damit einen Kursrutsch auslösten. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht analysiert nach Angaben einer Sprecherin die Kursbewegungen bei Thiel bereits seit Ende Juni. Eine formale Insideruntersuchung könne aber erst nach Abschluss der Analyse eingeleitet werden, sagte sie.

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