Aktienkurs von Analysten-Skandalen belastet
Sparprogramm verhilft Merrill Lynch zu Gewinn

Wie keine andere US-Bank war Merrill Lynch mit Analysten-Skandalen in den Schlagzeilen. Die Aktie ist stark abgeschmiert. Doch mit eisernen Spar-Maßnahmen vermochte es die Bank, den Gewinn zu steigern.

HB NEW YORK. Der Vorstandschef der Investmentbank Merrill Lynch David Komansky und sein designierter Nachfolger Stanley O?Neal blicken derzeit in US-Wirtschaftsmagazinen auf ganzseitigen Fotos den Lesern entgegen: "Sie haben in letzter Zeit viel über Merrill Lynch gehört, jetzt hören Sie von uns", versprechen sie in doppelseitigen Anzeigen. Nach Monaten negativer Schlagzeilen zum skandalösen Verhalten einiger Analysten während der Spekulationsblase und in einem weiterhin schwachen Geschäftsumfeld bemüht sich die Bank, um die Reparatur ihrer Imageschäden und um eine geschäftliche Wende.

In der Tat zeichnet sich Besserung ab: Erstmals seit sechs Quartalen konnte die Bank ihr Quartalsergebnis steigern. Nach radikalen Kosteneinsparungen hat die Bank ihren Gewinn gegenüber dem Vorjahresquartal um 17 % auf 634 Mill. $ oder 72 Cents pro Aktie verbessert und damit die Erwartungen der Analysten um acht Cents übertroffen. In dem Ergebnis sei die bevorstehende Zahlung von 100 Mill. Dollar enthalten, auf die sich Merrill Ende Mai mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt im Streit um angeblich irreführende Aktienempfehlungen geeinigt hatte, teilte die Bank mit. Mehr als 20 % der Beschäftigten hat Merrill seit Anfang 2001 abgebaut; zudem hat O?Neal unrentable Einheiten in Japan geschlossen.

Allerdings ist im Umfeld schwacher Aktienmärkte noch offen, wie rasch das Comeback unter Stanley O?Neal gelingt. Denn auf der Einnahmeseite bewegt sich wenig. "In Hinblick auf die Geschäftsentwicklung bleiben wir vorsichtig", sagten Komansky und O?Neal in einem Statement. Im Umfeld sinkender Aktienkurse und schwacher Fusions- und Emissionstätigkeit sind die Einkünfte im abgelaufenen Quartal um 11 % zurückgegangen. Das Emissionsgeschäft ist um 25 % , die Beratung im Fusionsgeschäft gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar um 39 % eingebrochen. "Auf der Kostenseite ist Merrill ziemlich gut vorangekommen", sagt Wertpapieranalyst Robert McMillan vom Finanzinformations-Dienst Standard & Poors, "doch wenn sich das für alle schlechte Geschäftsumfeld nicht bessert, muss Merrill noch mal den Personalstand reduzieren. Im abgelaufenen Quartal hat Merrill vor allem durch Schließungen in Japan 1 800 Arbeitsplätze abgebaut. Derzeit beschäftigt Merrill 54 000 Mitarbeiter.

Gegenüber den Wettbewerbern hat Merrill teilweise Boden verloren. Nach Angaben die Finanzinformationsdienstes Thomson Financial ist Merrill im internationalen Aktienemissionsgeschäft gegenüber dem Vorquartal von Platz 3 auf Platz 5, bei der Beratung von neu angekündigten Fusionen und Akquisitionen gar von Platz 2 auf Platz 8 abgerutscht. "Merrill weist verbesserte Gewinnmargen vor, aber wir wissen noch nicht, wie viel die Bank künftig im Investmentbanking-Geschäft vom Kuchen abbekommt", sagt Wertpapieranalystin Diane Glossman von UBS Warburg.

Schwache Aktienmärkte machen den Investmentbanken und Brokerhäusern mehr zu schaffen als Geschäfts- und Kreditbanken. Doch auch für große Kreditbanken wie die Citigroup und JP Morgan Chase, die heute ihre Zahlen vorlegen, dürften die Ergebnisse nach spektakulären Konkursen wie zuletzt WorldCom gemischt sein. Erst gestern wies JP Morgan Marktspekulationen in Europa über angebliche Liquiditätsprobleme zurück. Die Gerüchte seien "unwahr und unverantwortlich", sagte ein Sprecher der Bank in New York.

Trotz aller interner wie externer Widrigkeiten hält O?Neal an seinem Ziel fest, die Gewinnmarge bis 2002 auf 24 % zu erhöhen. Dabei verzichtet er auf das Ziel, weiterhin das größte Brokerhaus zu sein. Er trennt sich von allem, was nicht profitabel erscheint. Seit dem Vorjahresquartal hat O?Neal bereits eine Verbesserung der Profitabilität von 19,1 % auf 21,4 % geschafft.

Die Skandale um Analysten von Merrill haben in der Diskussion um die jüngsten Quartalszahlen kaum eine Rolle gespielt. "Die Kunden blicken mehr auf die Leistungen ihrer Broker als die Skandale ihrer Bank", meint Analyst McMillan. Institutionelle Anleger seien ohnehin in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden. Die Schlagzeilen um das Verhalten der Analysten haben jedoch das Vertrauen der Investoren geschädigt. Der Aktienkurs von Merrill Lynch ist innerhalb eines Jahres um 30 % gefallen.

Merrill war in die Schlagzeilen geraten, nachdem die Staatsanwaltschaft interne E-Mails entdeckte, in denen Analysten zum Kauf empfohlene Internetaktien als "Ramsch" bezeichnet hatten. Inzwischen hat Merrill das Kompensations-System für Analysten geändert. Es richtet sich nicht mehr nach vermittelten Investmentbanking-Aufträgen, sondern nach der Treffsicherheit der Kauf-Empfehlungen. Der Kurs der Aktie ist in der ersten Handelsstunde um ein knappes Prozent auf 36,70 $ zurückgegangen.

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