Aktienkurse stagnieren trotz besserer Unternehmenszahlen
Japans Börse gerät in den Abwärtssog

Internationale Investoren ziehen wegen der weltweiten Börsenkrise jetzt auch aus Tokio Kapital ab - obwohl die japanischen Unternehmen Fortschritte bei der Restrukturierung zeigen. Die Kurse der bekannten exportorientierten Blue Chips und die Indizes dürften deshalb erst einmal unter Druck bleiben. Chancen bieten allenfalls kleinere Firmen.

HB TOKIO. Japans Elektronikriesen und Autobauer haben ihre Prognosen für das erste Quartal größtenteils übertroffen. Einige sind bereits zurück in den schwarzen Zahlen, andere versprechen fest, es bis zum Ende des Geschäftsjahres (31. März) zu schaffen. Und dennoch fallen die Kurse. Weiterhin macht sich Pessimismus breit. Eine rasche Erholung halten Experten angesichts der Strukturprobleme der japanischen Wirtschaft für unwahrscheinlich. Doch einen Absturz unter die Tiefs vom Februar dieses Jahres befürchten im Moment die wenigsten.

"Der Markt hatte die besseren Firmenergebnisse schon in den Monaten zuvor vorweggenommen", begründet Analyst Alex Kinmont von der Investmentbank Nikko Salomon Smith Barney die Kursschwäche. "Jetzt reagiert er auf den stärkeren Yen und vor allem auf die Verunsicherung in den Vereinigten Staaten." Von Ende Februar bis Ende April sah es noch danach aus, als könnte sich Japan vom Abwärtssog der Wall Street abkoppeln. Diese Hoffnung ist jetzt erst einmal gestorben.

Das Bild geändert haben die ausländischen Investoren - allen voran die großen US-Fonds. "Es sieht so aus, als führten die Fonds derzeit Geld in die Heimat zurück", sagt Aktienstratege Juichi Wako von Nomura Securities, der größten japanischen Investmentbank. Da die Anlagesumme in Europa und den USA in den vergangenen Monaten geschrumpft sei und es Vorgaben über das Verhältnis der investierten Märkte gebe, sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Geld vom japanischen Markt abgezogen werde. "Der Verkaufsdruck dieser Fonds wird anhalten, solange die Unsicherheit in den USA anhält", ist Wako überzeugt.

Ähnlich wie sein Kollege Kinmont erwartet Wako aber gute Kursentwicklungen für weniger bekannte Werte, deren Geschäft auf den inländischen Markt konzentriert ist. Ausländische Fonds sind in ihnen selten investiert - sie setzen auf bekannte Werte wie Sony und NEC, Honda oder Toyota.

So können sich bei Inlandswerten die Restrukturierungserfolge besser in den Kursen zeigen. Das Papier der Kinderbekleidungskette Nishimatsuya etwa hat sich in diesem Jahr verdoppelt. Andere Konsumwerte wie der Teehersteller Ito En haben lange nachgegeben, scheinen aber jetzt ihren Boden gefunden zu haben. "Kleinere Unternehmen werden jetzt von Einzelinvestoren wieder gekauft, denn sie sind im Vergleich zu den großen Exportwerten noch sehr günstig", meint Kinmont.

Die Exportwerte leiden dagegen unter dem starken Yen. Im ersten Geschäftsquartal half noch ein Wechselkurs von im Schnitt 127 Yen pro Dollar. Jetzt steht der Dollar bei 119 Yen. Analystin Kathy Matsui von Goldman Sachs geht davon aus, dass ein Anstieg des Yen um 10 % auf Jahressicht die Gewinnerholung um 5 bis 7 Prozentpunkte drücken würde. Den Ankündigungen zufolge wollen die Firmen, die an der ersten Sektion der Tokioter Börse notiert sind, ihren Gewinn im Schnitt um knapp 50 % steigern. Matsui hält unter anderem wegen des schwächeren Dollars 25 % für realistischer.

Das größte Problem bleibt die allgemeine Wirtschaftsflaute. Ökonomen sprechen von der "Bilanzrezession". Die Argumentation: Die Unternehmen versuchen, ihre Schulden abzubauen, und sparen. Die Nachfrage nach neuem Geld ist deshalb begrenzt - egal wie viel die japanische Zentralbank in den Markt schießt. Klassische Liquiditätsfalle nennen Experten dieses Phänomen. Zudem leidet Japan weiter an einer schwachen Binnennachfrage - die Preise sinken (Deflation). Peter Morgan, Chefökonom von HSBC Securities Japan erwartet, dass es noch mindestens drei bis fünf Jahre dauern wird, bis die Unternehmen finanziell wieder so gesund sind, dass die Volkswirtschaft von diesen Dämpfern befreit wird.

Die Frage ist, ob sich der Aktienmarkt vorher von der Realwirtschaft abkoppeln kann, wie dies Kinmont erwartet. "Wenn ein Unternehmen Schulden zurückzahlt oder sich von verlustbringenden Fabriken trennt, steigt sein Wert für den Aktionär." Er sieht deshalb gute Chancen für eine Abkopplung, wie sie etwa Anfang der 90-er Jahre den US-Aktienmarkt angetrieben hat. Mit einem Kursziel von 1280 Punkten für den Topix in den kommenden zwölf Monaten und danach jährlichen Steigerungsraten von 7 % zählt er zu den Optimisten. Dazu müsste das Börsenbarometer, das alle Werte der ersten Sektion umfasst, von derzeit 955,81 Punkten um 34 % zulegen. "Wenn die japanische Industrie endlich das Problem des Überangebots löst, wird das den Markt ankurbeln", sagt Wako von Nomura Securities. Wegen der hohen Index-Gewichtung liegt der Schlüssel bei den Elektronikfirmen.

Gegen eine Abkopplung spricht jedoch der anhaltende Verkaufsdruck, der durch die Entflechtung der japanischen Wirtschaft entsteht. Die Banken trennen sich von großen Aktienpaketen aus den Zeiten der traditionellen Überkreuzbeteiligungen. Dem wiederum wirken jedoch in diesem Jahr massive Aktienrückkaufprogramme der Unternehmen entgegen, die die historisch niedrigen Kurse nutzen. Auch Matsui von Goldman Sachs hält deshalb neue Kursabstürze für unwahrscheinlich. Sie sieht den Nikkei-Index in den kommenden zwölf Monaten zwischen 9300 und 13 000 Yen, den Topix zwischen 900 und 1250 Punkten.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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