Aktienmärkte in Asien
Chancen für Aufschwung in Fernost stehen gut

In Asien hilft es nicht mehr, auf bekannte Namen zu setzen. Kleinere Unternehmen mit starker Heimatbasis bieten mehr Chancen.

Asien bietet, was US-Aktien fehlt: günstige Bewertungen, solides Gewinnwachstum, gute Währungsaussichten. Anders als die Wall Street bescheren die Börsen von Tokio bis Bangkok Anlegern in diesem Jahr auch stattliche Kursgewinne. In Thailand und Indonesien seit Januar 35 Prozent, in Korea 15 Prozent. Sogar der von vielen abgeschriebene "kranke Mann Asiens" foppt das Heer der Kassandra-Rufer: Japans Nikkei-Index ist um zwölf Prozent gestiegen.

Bereits seit Monaten fließt den Börsen der asiatischen Schwellenländer in größerem Umfang Auslandskapital zu. Hält der Trend, weil sich Anleger von den USA abwenden, könnten sich die Kurse in diesem Jahr deutlich besser entwickeln als im Westen. "Auch über die kommenden zwölf bis 18 Monate werden sich die asiatischen Märkte von der Wall Street abkoppeln und ihr enteilen", meint Sean Darby von Nomura in Hongkong. Allerdings würden die Gewinne nicht mehr so stark ausfallen wie im ersten Halbjahr.

Stimmungswandel

Der Stimmungswandel in Tokio lockt seit Wochen auch wieder Auslandsanleger nach Japan. Sie hatten Aktien dort lange gemieden. "Investoren wird klar, dass Japan nicht kollabiert - jetzt steigen sie wieder ein", sagt Alex Kinmont, Stratege bei Nikko Salomon Smith Barney. Er glaubt, dass internationale Fonds ihre Japan-Positionen bald auf Normalniveau hochfahren.

Die Chancen für einen Aufschwung in Fernost stehen gut: Der Welthandel spielt traditionell die Rolle des Zündfunkens für den Wirtschaftsmotor, und neuste Daten zu Industrieproduktion und Ausfuhren deuten darauf hin, dass die stark exportabhängige Region die Konjunkturwende schafft. Aufs Jahr gesehen sagt Lehman Brothers Asiens Exporten sieben Prozent Wachstum voraus.

Neben dem zyklischen Aufschwung profitieren viele Länder von Strukturreformen, die ihre Leistungskraft stärken und von denen sich Analysten höhere Aktienbewertungen versprechen. Fortschritte gibt es in Thailand und Malaysia, auf Unternehmensebene auch in Japan, doch unangefochtener Musterschüler bei Entschuldung, Privatisierung, Bankreform und der Entflechtung schwerfälliger Konglomerate ist Südkorea. Analysten erwarten dort dieses Jahr über sechs Prozent Wirtschaftswachstum.

Außerdem spielen Binnenkonjunktur und Handel innerhalb der Region eine immer wichtigere Rolle. Das boomende China zum Beispiel importierte im ersten Quartal sieben Prozent mehr Güter aus seinen Nachbarstaaten. Davon profitiert auch Japan. Das Land lässt sich derzeit von den Nachbarn mitziehen, die Wirtschaft hat sich bisher vor allem über den Außenhandel erholt. Doch seit Jahresbeginn vermitteln Produktions- und andere Konjunkturindikatoren den Eindruck, auch Japan könne sich langsam aus der dritten Rezession in einem Jahrzehnt herausstrampeln. Zwar lähmt ein Reformstau die Politik, doch viele Unternehmen restrukturieren, um in die Gewinnzone zurückzukommen. Volkswirt Peter Tasker von Dresdner Kleinwort Wasserstein glaubt, dass vor allem japanische Industriekonzerne in diesem Jahr mit einer kräftigen Erholung belohnt werden.

Asien hinkt hinterher

Nichts treibt Kurse wie Gewinne, doch hinkt Asien dabei den USA traditionell hinterher. Die daraus resultierenden Bewertungsabschläge könnten sich aber verringern: "Dieses Jahr dürfte die durchschnittliche Eigenkapitalrendite in Asien außer Japan zum ersten Mal seit acht Jahren höher ausfallen als im Weltdurchschnitt", meint UBS-Warburg-Stratege Ian McLennan. Der Crédit-Lyonnais-Stratege Christopher Wood erwartet, dass diese Kennziffer in Asien außer Japan im kommenden Jahr auf 13 Prozent steigt, in Korea sogar auf 18,5 Prozent. In den USA ist die Eigenkapitalrendite der Unternehmen dagegen auf zehn Prozent gefallen. Wood rät deshalb, Korea, Thailand und Indonesien in globalen Portfolios deutlich überzugewichten.

Nomura-Analyst Darby erwartet die größten Kursgewinne von Thailand, Malaysia und Hongkong, wo ein schwacher Dollar der Deflation ein Ende bereiten und die Binnennachfrage ankurbeln werde. Die besten Kaufgelegenheiten sieht er bei Konsumwerten und mittelgroßen Unternehmen der zweiten Reihe. In Hongkong empfiehlt Darby unter anderem die Hang Seng Bank und Shangri La Hotels. Auch Credit-Suisse-Stratege Steward Paterson meidet Index-Schwergewichte, die seit Monaten schlechter abschneiden als der Gesamtmarkt. Wie Darby mag Paterson konsumabhängige mittlere Werte, die immer noch günstiger bewertet seien. Auf seiner Kaufliste finden sich die Fluglinie China Southern und die Flughafenaktie Beijing Airport, der Hongkonger Immobilienkonzern Kerry sowie die Reedereien NOL in Singapur und Evergreen Marine in Taiwan.

Analysten empfehlen Binnenwerte

Auch Anlegern, die in Japan investieren wollen, empfehlen Analysten Binnenwerte. Anders als im Rest der Region haben Konsumentennachfrage und Einzelhandelsumsatz zwar noch nicht die Kurve zum Besseren bekommen. Doch dies soll sich ändern, und dann winken bei dieser stark gebeutelten Aktienklasse die größten Gewinne. "In nächster Zeit werden die Konsumdaten positiv überraschen. Längerfristig wird eine Senkung der Schenkungssteuer den Konsum ankurbeln", meint Kathy Matsui von Goldman Sachs. Sie empfiehlt das Bauunternehmen Daiwa House, die Kaufhauskette Isetan sowie Drogerieartikelhersteller Unicharm oder Teeproduzent Ito En. "Exporttitel sind einfach zu teuer", argumentiert Salomon-Aktienstratege Kinmont. Er setzt auf Bankwerte, weil die Institute versichert haben, bei der Abschreibung fauler Kredite den Gipfel erreicht zu haben. "Billig sind auch einige Elektronikunternehmen", sagt Kinmont und nennt unter anderem Hitachi.

Allerdings reichen in Japan viele Prognosen nur bis zum Spätsommer. Und einige kritische Stimmen am Tokioter Markt sprechen zynisch davon, die japanische Börse sei Strohfeuer gewöhnt. Viele Analysten halten die Aussichten auf einen dauerhaften Aufschwung an Börsen wie Hongkong, Seoul oder Bangkok für besser. Risikolos ist das Engagement dort aber auch nicht. Verliert der Dollar an Wert, würde das die Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure untergraben. Und sollte die US-Wirtschaft schwächer als erwartet laufen, dürften die Fernost-Börsen mit darunter leiden.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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