Aktienmärkte und das Silicon Valley halten wenig von großen Kraftwerken
Kolumne: Eine Lobby entdeckt regenerative Energie

Der Energie-Politik des amerikanischen Präsidenten George W. Bush setzt auf den Ausbau der großen Produktionsstätten für fossile Energie. Doch längst nicht die ganze Nation steht hinter ihm. Das Electric Power Research Institute ( EPRI ) in Palo Alto, dessen Sponsoren etwa 90 % der Energie in den USA erzeugen, hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die Zukunft den verteilten, erneuerbaren Energien gehört. Und der Aktienmarkt hat mit einer Ralley der Technologieunternehmen, die "alternative Energie" erzeugen, ganz gegen den allgemeinen Trend reagiert. Die IT-Industrie des Valley ist in mehrfacher Hinsicht Treiber dieser Entwicklung. Denn der Strom aus der langen Leitung hat viele Nachteile.

In Toronto gehen die Lichter aus, kurz darauf trifft es Rochester, dann Boston und New York: Innerhalb von 13 Minuten liegen 80 000 Quadratmeilen und 30 Millionen Menschen in der Dunkelheit, die Menschen sind gefangen in U-Bahnen, stecken in Aufzügen fest. Verursacht durch den Ausfall eines einzigen überbeanspruchten Relais in Kanada. Ist dies nur eine Schreckensvision eines gestressten Kaliforniers, vorsichtshalber an die Ostküste des Landes projiziert? Keineswegs! Dieser GAU ereignete sich tatsächlich. Am 7. November 1965 gingen die Lichter aus, wie uns ein Artikel in der Juli-Ausgabe des "Wired" Magazins dieser Tage erinnert.

Moment mal: Das "Wired"-Magazin? Repräsentierte "Wired" nicht einmal die Avantgarde der Internetgeneration? Haben die es jetzt schon nötig, über Stromausfälle zu schreiben, die Jahrzehnte zurück liegen? Was wie ein Abstecher in die "Old Economy" aussehen mag, steht, ganz im Gegenteil, derzeit im Zentrum des Interesses hier im Silicon Valley. Die Branche diskutiert über Energie, genauer, über Energie mit Zukunft, und in dieser Hinsicht schneiden die Ausbau-Pläne der Regierung schlecht ab.

Das hat mehrere Gründe: In Kalifornien kommt der Strom nicht mehr einfach "aus der Steckdose", das haben die Menschen in der Energiekrise erfahren müssen. Die Regierung will die Versorgung nun mit einem Energie-Plan dauerhaft sicher stellen, auch das ist allgemein bekannt. Im Kern ist das Konzept simpel: Bush setzt traditionell auf fossile Brennstoffe statt erneuerbarer Energiequellen; gigantische Kraftwerke statt kleiner Erzeugungsstätten haben es ihm angetan.

Die Minderheit des Sierra-Clubs, Umweltschützer ohne großen Einfluss, bringt die Pläne in Rage. Entscheidender aber ist, dass die High-Tech-Industrie mit dem Bush-Strom nicht viel anfangen kann. Das Valley ist auf höchst zuverlässige Energiequellen angewiesen. Außerdem wittern die Investoren mittlerweile in alternativen Energietechnologien die nächste Welle attraktiver Geschäftsmöglichkeiten. Die alternativen Energien haben längst eine wirklich mächtige Lobby gefunden. Mit Umweltschutz hat die Begeisterung weniger zu tun.

Eine Verfügbarkeit von 99,9 Prozent ist zu wenig

Die High-Tech-Industrie braucht hoch zuverlässige Stromquellen. Hewlett Packard berechnete einmal, dass ein 15-minütiger Stromausfall in einer Chip-Fabrik das Unternehmen 30 Millionen Dollar kosten würde - da lohnt sich ein lokaler Generator allemal. Den hochempfindlichen Serverfarmen genügt die Verfügbarkeit von Strom in 99,9 % aller Fälle ebenfalls nicht. Sie wünschen sich anstatt der drei neun Neunen, das heißt eine Verfügbarkeit in 99,9999999 % aller Fälle. Dies wird auch das beste Netz heutiger Architektur nicht leisten können. Krankenhäuser, Aktienmärkte und Kreditkartenunternehmen haben ähnliche Ansprüche.

High-Tech hätte übrigens auch lieber Gleichstrom anstatt Wechselstrom. Dies würde die Transformatoren in den Stromanschlüssen unserer Computer überflüssig machen. Aber seit Tesla (mithilfe von Westinghouse) gegen den mächtigen Wettbewerber Edison (Gründer von GE) seinerzeit beweisen konnte, dass sich Wechselstrom effizienter über weite Strecken transportieren lässt, basiert die Stromverteilung weltweit auf Wechselstrom. Lokale Energiequellen könnten dies ändern.

Internetmusiktauschbörsen dienen als Vorbild

Ein wesentlicher Ansatzpunkt zur Lösung der Energieproblematik besteht darin, von einem sternförmigen Netz um große Erzeugungs- und Verteilungszentren herum zu einer verteilten Architektur mit wesentlich mehr und kleineren Quellen überzugehen. Dies kann verglichen werden mit dem Übergang vom Mainframe-Zeitalter zum distribuierten oder gar dem PC-Zeitalter. Eine neue Strom-Netzarchitektur muss her, vergleichbar mit dem heutigen Internet: Distribuiert, redundant, robust und intelligent. Ideen reichen bis hin zu sogenannten "Peer-to-Peer", (zu deutsch: Kollege-zu-Kollege) Architekturen, die den Musikbörsen wie Gnutella nachempfunden sind. Jeder Verbraucher würde hierbei auch ein potenzieller Erzeuger und Verkäufer von Energie.

Viele dieser Konzepte wurden vom Electric Power Research Institute (EPRI), einem "Think Tank" für zukunftsweisende Energiekonzepte mit Hauptsitz im Silicon Valley, gleich neben Xerox Parc, erstellt. Das EPRI wurde nach dem berüchtigten Stromausfall von 1965 ins Leben gerufen und wird von Energie-Unternehmen aus mehr als vierzig Ländern unterstützt. Die meisten Arbeiten werden vom EPRI an die Forschungslabore dieser Institutionen ausgegliedert. Vor zwei Jahren bereits rief das EPRI einen Kongress zusammen. Damals trafen Energie- und IT-Unternehmen aufeinander. Ihre Ideen dokumentierten sie in einer "Electricity Technology Roadmap", also einer Landkarte, die in die Zukunft weisen sollte.

"Richtige Männer bauen Kraftwerke"

Als Verfechter der texanischen Großindustrie vertritt Präsident Bush statt dessen einen anderen, alten Ansatz: "Richtige Männer" bauen Kraftwerke und Pipelines. Vizepräsident Dick Cheney rief zum Bau von einem Kraftwerk pro Woche auf. Kritiker des Bush-Plans weisen darauf hin, dass statt dessen bereits heute zwanzig "Kraftwerke" pro Tag gebaut werden: auf Geschäftshäusern, Restaurants, Krankenhäusern etc. Diese verteilten Quellen, oft auf Basis erneuerbarer Energien, können allerdings derzeit nur lokal genutzt werden, da das heutige Stromnetz nicht von seinen Endstationen aus gespeist werden kann. Dies kann sich in einer Zukunft mit omnipräsenten "intelligent devices" ändern.

Der Aktienmarkt liebt die neuen Technologien

Brennstoffzellen, Solarzellen, modulare Biomasse, Mikroturbinen, Mikrowasserkraft, Generatoren mit Mehrfachbrennstoff, kleine Windturbinen und viele andere Technologien erzeugen derzeit eine Flut alternativer, ganz oder teilweise erneuerbarer, lokaler Energiequellen. Und diese Technologien werden zunehmend wettbewerbsfähig, auch beim Preis.

Der Aktienmarkt liebt sie schon heute: Laut dem Wagniskapitalmagazin "Red Herring" ist das durchschnittliche Verhältnis von Preis zu Umsatz der letzten 12 Monate bei Unternehmen dieser Art inzwischen auf astronomische 355 geklettert. Gegen den Trend gewannen sie in den vergangenen 24 Monaten auch mehr als 80 % an Wert. Von Beacon Power zu Power-One, von FuelCellEnergy zu PlugPower, von Ballard Power Systems zu Capstone Turbines - die Liste der Startups, die auf alternative Energie setzten, schwillt stetig an.

Doch obgleich die Finanzwelt ein einflussreicheres Votum für die neuen Technolgien abgegeben hat als es die gesamte grüne Lobby jemals erzielen könnte, so birgt der plötzliche Boom doch auch Gefahren. Die Internet-Unternehmen haben ja nicht nur gezeigt, was überlegene Netzwerkstrukturen leisten können. Zu den Lektionen der Webfirmen gehört auch die Geschichte von Aktienmarktblasen und deren dramatischem Ende.

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