Aktienoptionen helfen auch in der Krise
US-Manager sahnen kräftig ab

Amerika streitet über die Gehälter seiner Spitzenmanager. Jetzt eskaliert der Konflikt - viele Firmenchefs haben trotz Krise prächtig verdient. Die Vergütung gerät außer Kontrolle, sagen Kritiker.

NEW YORK. Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat Gerhard Cromme fordert es. Die meisten anderen deutschen Firmenchefs ziehen aber nicht mit - gemeint ist die Veröffentlichung der Managerbezüge in börsennotierten Unternehmen. Wie in den USA soll alle Welt wissen können, wie viel der Chef verdient - und dann entscheiden, ob er es verdient.

Das birgt Zündstoff, wie die aktuelle Debatte in Amerika zeigt. "Die Vergütung der Manager in den USA gerät außer Kontrolle", sagt Ann Yerger vom Council of Institutional Investors in Washington. Die Organisation vertritt 120 Pensionsfonds mit einem Anlagevermögen von rund 2 000 Mrd. $. Was Anleger und Öffentlichkeit aufbringt, ist die Entwicklung der Managergehälter in Krisenzeiten.

Auslöser der jüngsten Debatte ist der Enron-Skandal. Die Manager des Pleite gegangenen Energiehändlers sind mit vollen Taschen dem Zusammenbruch entkommen, während Aktionäre, Mitarbeiter und Pensionäre fast alles verloren haben. Seitdem schauen die Amerikaner noch genauer auf die Gehaltszettel der Bosse - und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Da kassierte Joe Nacchio, Chef des Telekomanbieters Qwest, im vergangenen Jahr insgesamt mehr als 100 Mill. $. Neben seinen Jahresbezügen von 27,3 Mill. $ löste er noch zuvor erhaltene Aktienoptionen im Wert von 74,6 Mill. $ ein. Der warme Regen für Nacchio kommt zu einer Zeit, da Qwest unter sinkenden Gewinnen leidet, der Kurs im Jahresvergleich um 90 % gefallen ist, unter Schulden von 27 Mrd. $ ächzt und von der Börsenaufsicht SEC wegen angeblicher Bilanzmanipulationen untersucht wird.

Qwest ist nicht der einzige Konzern, in dem die Entlohnung des Chefs und der Erfolg des Unternehmens weit auseinanderklaffen. Ob John Chambers vom Netzwerkausrüster Cisco, Larry Ellison vom Softwaregiganten Oracle oder Douglas N. Daft vom Getränkekonzern Coca-Cola - sie alle haben prächtig verdient, während Gewinne und Börsenkurse ihrer Unternehmen in den Keller gingen.

Nun führt eine öffentliche Diskussion über die Bezahlung der Manager-Kaste nicht unbedingt zu gerechteren Bezügen. Es besteht aber die Chance, Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Peter Chingos sieht die öffentliche Diskussion gelassen. Die Aufregung der Anleger kann der Experte von der Unternehmensberatung Mercer nicht recht nachvollziehen. Denn: "Noch nie war die Beziehung zwischen den Gehältern der Manager und dem finanziellen Erfolg ihrer Unternehmen so eng wie im vergangenen Jahr." Chingos verweist auf eine Untersuchung, die Mercer zusammen mit dem Wall Street Journal bei 350 US-Konzernen durchgeführt hat. Danach sind Basisgehälter und Boni im Jahr 2001 um 2,8 % zurückgegangen. Die Nettogewinne der Unternehmen sanken im gleichen Zeitraum um durchschnittlich 17,8 %.

Grundgehalt und Boni sind jedoch nur die eine Seite der goldenen Medaille in den Taschen der Manager. Wenn man langfristige Gehaltsbestandteile wie Pensionszusagen und Aktienoptionen berücksichtigt, zeigt sich nicht nur in Einzelfällen, sondern auch im Trend ein anderes Bild. So ist die Gesamtvergütung laut Mercer im Krisenjahr 2001 um 6,9 % gestiegen. Der Grund: Viele Firmen haben die Einbußen bei Basisgehältern und Boni insbesondere durch die Ausgabe zusätzlicher Aktienoptionen ausgeglichen. So erhielt Cisco-Chef Chambers 2001 zwei Millionen Optionen mehr als im Vorjahr - da fällt es ihm nicht schwer, sein Basisgehalt öffentlichkeitswirksam auf einen Dollar zu reduzieren.

Langfristige Vergütungen machen inzwischen mehr als 70 % des Gesamtgehaltes von Managern aus; mehr als 90 % dieser Zulagen sind Aktienoptionen. Leid Tragende sind die Aktionäre: Jede eingelöste Option verwässert den Wert ihrer Anteile. Wenn dann noch ein Boss wie Larry Ellison ein Aktienpaket von 29 Millionen Stück verkauft, drückt das zusätzlich auf den Kurs.

Unter Kontrolle lässt sich die versteckte Gehaltsexplosion nach Meinung von Kritikerin Ann Yerger nur durch eine verstärkte Kontrolle der Aktionäre bringen. "Vor allem die Board-Mitglieder, die über die Höhe der Managergehälter entscheiden, müssten unabhängiger werden", sagt sie mit Blick auf die Interessenverquickung an der Unternehmenspitze. Helfen würde sicher auch, wenn mehr Manager mit gutem Beispiel vorangingen. "Wenn ich den Mitarbeitern Opfer abverlange, sollte ich ein Beispiel geben", sagt Sidney Taurel, Chef des Pharmakonzerns Eli Lilly - seine Gesamtvergütung sank um fast 30 %.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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