Aktienoptionsprogramme für Vorstände
Gigantische Summen

In den USA verdiente der Chef eines S&P-500-Unternehmens 1970 rund 30-mal mehr als ein durchschnittlicher Industriearbeitnehmer. Im Jahre 1996 war es 210-mal mehr.

DÜSSELDORF. Vorständen maroder US-Unternehmen wurden bei Übernahmen als Dank für ihr Ausscheiden dreistellige Dollarmillionenbeträge bezahlt. Ein Disneyvorstand erhielt für eine nicht einmal einjährige Amtszeit 120 Millionen, während der CEO eines anderen US-Unternehmens 2001 rund 700 Millionen Dollar einstrich.

Dies alles war und ist legale US-Praxis. Neu an den Fällen wie Enron, Xerox und Worldcom ist lediglich, dass Vorstände von angesehenen Weltunternehmen treibende Figuren in Bilanzbetrügereien in Milliardenhöhe sind und Traditionsfirmen in wenigen Wochen in Insolvenzgefahr bringen.

In allen Fällen wurde der Öffentlichkeit als Heilmittel eine bessere Kontrolle der Wirtschaftsprüfer angeboten. Doch so nützlich die Vorschläge im Einzelnen auch sind, so gehen sie doch am Kern des Problems vorbei: der maßlosen Gier der Vorstände und ihrer rücksichtslosen Durchsetzung mit Hilfe neuer Kapitalmarktinstrumente.

So ist das Grundmuster der Vorgänge stets das gleiche: Da Aktienoptionen ihr wichtigster Vergütungsbestandteil geworden sind, gibt es ein extremes Interesse der Manager an überhöhten Kursen ihrer Unternehmen. So führten die falschen Gewinnausweise in den USA zu Fehlbewertungen und trieben die Aktienkurse der Unternehmen am Kapitalmarkt in die Höhe. Diese Scheinblüte wird dann zum Mittel der Bereicherung: durch Ausnutzung ihrer Aktienoptionen verschaffen sich die einzelnen Vorstände in kurzer Zeit ein Großvermögen, das früher erfolgreiches Unternehmertum über Generationen zur Voraussetzung hatte.

Deutsche Anleger bewegt die Frage, wann die "amerikanische Krankheit" auch bei uns die ersten Opfer fordern wird und deutsche Weltkonzerne nach Entdeckung von Fehlbuchungen, Luftgeschäften, Umwandlung von Kosten in Investitionen und Gewinnverschiebungen von einem Tag zum anderen als Insolvenzkandidaten zu Tage treten lässt. Die beunruhigende Nachricht ist, dass der treibende Grund dafür auch in Deutschland vorhanden ist: Auch bei uns haben sich in den letzten Jahren im Wege von Aktienoptionsplänen astronomische und von Leistung losgelöste Steigerungen der Vorstandsvergütungen ergeben. Mit Aktienoptionsplänen wurde ein Verfahren gewählt, das für die Aktionäre mit einer maximalen Steuerstrafe verbunden ist, da ihre Kosten nicht steuerlich abzugsfähig sind. Grund dafür ist, dass hierdurch der Ausweis ihrer Kosten in der Gewinn- und Verlustrechnung umgangen werden kann. Bemerkenswert ist auch, dass typischerweise die Optionsgewinne der Vorstände nicht etwa im Fall einer stetigen Unternehmenswertsteigerung ihren größten Wert erreichen, sondern dann um mehr als 700 Prozent größer sind, wenn zunächst der Aktienkurs dramatisch einbricht und sich erst im Laufe von 10 Jahren wieder erholt.

Um die von den laufenden Aktienoptionsprogrammen ausgehenden Anreize auf Vorstände zu verstehen, soll hier ein Blick auf das Optionsprogramm der Deutschen Telekom geworfen werden, das mitnichten das schlimmste ist und in seinen Auswüchsen von demjenigen der Daimler-Chrysler AG übertroffen wird. Als führende Volksaktie mit staatlichem Großaktionär soll die Telekom dennoch als Beispiel dienen: So wurden bei der Telekom als Vergütung für 2001 bei stark gesunkenem Aktienkurs gegenüber 2000 für den Vorstand insgesamt 1,74 Millionen Aktienoptionen ausgegeben. Erreicht der Kurs der T-Aktie bis zum Jahr 2011 wieder den alten Kurs aus dem Jahre 2000 von 100 Euro, bedeutet dies für den heutigen Vorstand einen Zusatzverdienst von 116 Millionen Euro.

Da die Kosten nicht von der Steuer abziehbar sind, verdoppeln sich für die Aktionäre die Nachsteuerkosten der Vorstandsvergütung auf 232 Millionen Euro. Wenn der Aufsichtsrat weiter nach diesem Schema vorgegangen wäre und der Vorstand nicht unter öffentlichem Druck verzichtet hätte, würde der Vorstand mit den Optionen des Jahres 2002 bei Wiedererreichen eines Kurses von 100 Euro bis 2012 einen Gewinn von 151 Millionen Euro erzielen, obwohl der Aktienkurs gegenüber der letzten Optionsgewährung nochmals um rund 40 Prozent abgestürzt war und das Unternehmen gegenüber seinem Höchstkurs 90 Prozent an Wert verloren hat.

Auch hier gilt, dass die Nachsteuerkosten für die Aktionäre doppelt so hoch sind, also 302 Millionen Euro. Die Vergütung der Telekomvorstände nur für die beiden Katastrophenjahre 2001 und 2002 schlüge dann insgesamt mit Nachsteuerkosten von einer halben Milliarde Euro zu Buche. Dass diesen Vorgängen das Bundesministerium der Finanzen seinen Segen gibt, verblüfft. Noch erstaunlicher ist, dass Juristen solche Bezahlung als eine Vergütung ansehen, die im "Verhältnis zur Lage der Gesellschaft angemessen ist"!

Was dabei das Geschehen in Deutschland unheimlich macht, ist die fehlende Transparenz. Die Gerichte haben klagenden Aktionären nicht einmal einen Anspruch auf eine Antwort nach der Höhe der Kosten der Aktienoptionspläne gewährt. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass der gegenwärtige Aktienoptionsplan der Daimler-Chrysler AG die Firmenangestellten dazu berechtigt, ohne jedes Risiko verbilligt rund 10 Prozent der Vermögenssubstanz eines hundertjährigen, erfolgreichen Traditionsunternehmens innerhalb von 5 Jahren lediglich als Zusatzbezahlung einzuziehen. Dies erklärt, dass auch gewerkschaftsgebundene Aufsichtsräte den astronomischen Vergütungen des Vorstandes ihren Segen erteilen, wird ihre besser gestellte Klientel doch ebenfalls mit Optionsprogrammen bedacht.

Stellen sich die Anreize für betrügerische Aktienkursmanipulationen in Deutschland als ebenso wirkungsmächtig heraus wie in den USA, wird der Preis, den die einfachen Gewerkschaftsmitglieder bei den kommenden Insolvenzen zu zahlen haben, groß und bitter sein. Offensichtlich erfordern die laufenden Aktienoptionspläne Vorstände mit der moralischen Kraft von Heiligen, um der Versuchung zu widerstehen, sich jeder Beeinflussung der Aktienkurse durch Bilanzmanipulationen zu enthalten. Sollten auch in Deutschland betrügerische Großkonkurse Einzug halten, wird es bei der Flucht aus dem Kapitalmarkt kein Halten mehr geben. Die Saat hierzu in Form von Aktienoptionsprogrammen ist ausgebracht.

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