Aktion eher militärisch als humanitär
US-Essensrationen aus der Luft sorgen bei Helfern für Unmut

Aus dem Himmel über Afghanistan fallen zurzeit nicht nur Bomben, sondern auch Essensrationen. Während Fernsehmoderatoren in den USA die Haltbarkeit und Güte der Nahrung preisen, die aus Flugzeugen abgeworfen wird, lösen die Pakete bei Hilfsorganisationen und in der Bevölkerung Misstrauen und sogar Wut aus.

dpa ISLAMABAD/NEU DELHI. "Das ist Propaganda und Zynismus", meint ein Entwicklungshelfer in Pakistan. "Das ist keine humanitäre Operation, das ist Teil einer Militärkampagne", sagt der Sprecher einer anderen Hilfsorganisation. "Wir finden das verdächtig. Wir werden es nicht essen", sagt ein Mann im Osten Afghanistans, der ein Paket gefunden hat und fürchtet, das Essen sei nicht nach den islamischen Vorschriften zubereitet.

Alle Experten sind sich einig, dass die Tüten mit Fertignahrung keine Probleme in Afghanistan lösen können. 35 000 Tagesrationen, wie sie in der Nacht zum Dienstag abgeworfen wurden, könnten allenfalls 0,5 % der Menschen in Afghanistan erreichen, die dringend Hilfe brauchen - und zwar nicht nur für einen Tag.

Ziele werden "verfehlt"

Die Rationen landen aber gar nicht unbedingt dort, wo die Not am größten ist. Dass es Pakete über der östlichen Provinz Khost regnete, halten Beobachter nicht für Zufall. Dort wird wachsender Widerstand gegen die Taliban vermutet. "Humanitäre Hilfe muss neutral geleistet werden und darf nicht mit einem politischen Programm verbunden sein", kritisiert Diederik van Halsema von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen".

Die einzige Möglichkeit, Mill. Menschen vor dem Hunger oder gar dem Tod zu bewahren, sind Transporte über Land. Die Helfer lassen keinen Zweifel daran, dass die Notlage viel älter ist als die jetzige Krise. Sie wurde durch 22 Jahre Krieg und Bürgerkrieg und durch die Dürre im vergangenen Jahr ausgelöst, nicht durch die US-Angriffe.

Aber die Angriffe gefährden jetzt die notwendige Hilfe für den Winter. Ausländische Helfer mussten Afghanistan verlassen, die Sicherheit von Hilfskonvois und die Verteilung der Güter ist nicht mehr gewährleistet.

"Wenn es schneit, ist es zu spät"

Das ist besonders schlimm, weil zumindest im Hochland in Zentral- Afghanistan schon jetzt verteilt werden muss, was im Winter Leben retten soll. "Wenn es schneit, ist es zu spät, denn dann ist diese Region nicht mehr zu erreichen", warnt Erhard Bauer, der Leiter der Programme der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH) in Afghanistan, der sich zurzeit in Pakistan aufhält.

Die DWHH wäre zur Verteilung von Hilfe noch fähig. "Zum Glück sind unsere Angestellten am Leben, unsere Büros arbeiten", sagt Bauer. Die Taliban haben den Funkverkehr zwischen den DWHH-Büros noch nicht unterbunden. Die praktische Arbeit wird ohnehin von einheimischen Helfern geleistet. "Die Funktion von uns ausländischen Mitarbeitern ist die eines Schutzschilds gegen Forderungen von außen", sagt Bauer.

Um helfen zu können, müssen aber die Transporte wieder anlaufen - Lastwagen, die sich tagelang über die kaum vorhandenen Straßen in Afghanistan quälen. Deren Sicherheit könne nur von den Taliban oder auch von der Nordallianz in deren Gebieten garantiert werden, meint Bauer, und dazu seien Absprachen mit diesen Gruppen nötig. Sichere Korridore durch Luftangriffe zu erzwingen, hält er für eine Illusion.

Die Stimmung in Afghanistan schätzt Bauer nach Gesprächen mit seinen Mitarbeitern als sehr besorgt ein. "Die Leute haben Angst, aber nicht so sehr vor den Luftangriffen als davor, dass dem Land wieder eine neue Phase der Instabilität droht", sagt Bauer. Wenn die Taliban durch die Luftangriffe geschwächt, aber nicht durch eine stabile Regierung ersetzt werden, befürchten Beobachter lange Kämpfe zwischen den Taliban und der Nordallianz um die Macht im Land.

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