Aktionärskritik an Sommer
Kommentar: Buhmann

Nur Buhrufe hatten die Aktionäre am Dienstag auf der Hauptversammlung für Telekom-Chef Ron Sommer übrig. Verständlich: Der Kurs sinkt, die Nettoverluste steigen auch in diesem Jahr, der Schuldenabbau kommt nicht voran, und für dieses Ergebnis kassiert Sommer auch noch eine Gehaltserhöhung.

DÜSSELDORF. Es mag aus Telekom-Binnensicht vielleicht gute Gründe für eine Belohnung Sommers geben. Nach außen vermittelbar ist dies zurzeit jedoch nicht. Ein Unternehmen, das so sehr im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht und diese Öffentlichkeit zur Etablierung seiner Weltmarke "T" auch braucht, sollte sensibler handeln und mit Belohnungen warten, bis sich die Erfolge, die Sommer für sich reklamiert, auch für die Aktionäre auszahlen.

Die Gehaltserhöhung zur Unzeit ist ein Symptom für die erhebliche Kommunikationsschwäche der Telekom. Ein weiteres Symptom für ihren Autismus ist die Betonung des Wortes "Erfolg" in jedem Quartalsbericht, auch im letzten mit einem Rekordverlust von 1,8 Milliarden Euro. Sommers Gebetsmühle "Alles wird gut" wirkt momentan bei Aktionären und an den Finanzmärkten nicht beruhigend, wie es gemeint ist, sondern als Provokation: Erst 2005 wird die Telekom wieder Gewinne ausweisen.

Die Details über die Verluste, mit denen die Aktionäre bis dahin leben müssen, sickern nur tröpfchenweise als unangenehme Überraschung in den Markt, wie die unerwartete Höhe des Festnetz-Gewinnrückgangs im letzten Quartal. Die mangelhafte Informationspolitik der Telekom trägt so zum Sinkflug des Kurses bei, ausgelöst hat sie ihn jedoch nicht.

Dass die T-Aktie zum Zockerpapier wurde, hätte auch ein anderer Telekom-Chef als Sommer nicht verhindern können. Als Teil der Internet- und Kommunikationstechnologie-Branche gerieten alle Telekom-Unternehmen zuerst in den Spekulationssog nach oben, um dann umso härter abzustürzen, als die Blase platzte. Die Strategie Sommers jedenfalls, aus dem alten Telefonmonopol ein Wachstums-Unternehmen zu formen, ist im Grundsatz immer noch richtig. Die Alternative wäre eine Schrumpfstrategie gewesen, die die Telekom auf lange Sicht aller Perspektiven beraubt hätte. Bei der Umsetzung der auch von den Aktionären 1999 geforderten Wachstumsstrategie geriet die Telekom allerdings in den Branchensog und zahlte sehr hohe Preise für die gekauften Töchter. Hohe Schulden und abschreibungsbedingte Nettoverluste sind die Folge.

Aus heutiger Sicht erscheint der Preis für den US-Mobilfunker Voicestream mit 38 Milliarden Euro als sehr hoch. Ob der Kauf zu teuer war, wird man jedoch erst in zwei bis drei Jahren wirklich beurteilen können. Sommer ist mit Voicestream ein unternehmerisches Risiko eingegangen. Am Erfolg in den USA wird sich erweisen, ob Sommer auf der Hauptversammlung 2005 als Genie gefeiert oder als kompletter Versager erneut ausgebuht werden wird.

Sommer jetzt zu feuern, wie es manche Aktionäre fordern, würde der Telekom wenig nutzen. Ein Nachfolger könnte zwar versuchen, Voicestream wieder loszuwerden. Das würde zwar Investitionskosten sparen. Da aber heute kein Telekomunternehmen einen guten Preis zahlen kann, bliebe für die Telekom unterm Strich nur ein weiterer Verlust.

Quelle: Handelsblatt

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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