Aktuelle Studie sieht hohes Marktpotenzial
Energiebranche hofft auf die Brennstoffzelle

Die Brennstoffzelle könnte die Strom- und Wärmeerzeugung so stark verändern wie keine andere Technologie. Fast zwei Drittel der Versorger beteiligen sich an Forschungsprojekten. Ob aus der Vision Wirklichkeit wird, ist aber nicht sicher. Die Technik läuft noch nicht rund, daher verzögert sich die Markteinführung.

DÜSSELDORF. Die Vision ist verlockend: In wenigen Jahren sollen viele Hausbesitzer eine eigene Brennstoffzelle im Keller haben - ein Minikraftwerk, das neben Wärme auch Strom liefert. "Kaum eine andere Technologie hat ein so großes Potenzial, die deutsche Stromwirtschaft zu verändern", sagt Werner Brinker, Präsident des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW).

Wie groß die Hoffnungen der Energiebranche sind, belegt eine aktuelle Umfrage, die die Unternehmensberatung Arthur D. Little gemeinsam mit dem VDEW-Fachverband Energie-Marketing und Anwendung (HEA) durchgeführt hat: Über 55 % der befragten Energieversorger messen der Brennstoffzelle "künftig eine hohe oder sehr hohe Bedeutung" in der Strom- und Wärmeerzeugung von Privathaushalten bei. 65 % haben sich bereits an Forschungsprojekten beteiligt.

Arthur D. Little erwartet in einer konservativen Prognose, dass bis 2020 rund 850 000 Anlagen in den Haushalten installiert werden - dies würde einem Marktanteil von 5 % entsprechen. Erste marktreife Modelle seien in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts zu erwarten, sagt Madjid Kübler, Energieexperte der Unternehmensberatung. Spürbar anziehen werde der Markt zwischen 2010 und 2015. Ein Grund: Die Versorger müssten dann viele Kraftwerke ersetzen, sagt Kübler. Statt viel Geld in neue Großanlagen zu investieren, könnte sich ein Einstieg in die neue Technik lohnen.

Soweit die Vision, die Realität sieht freilich noch anders aus: Bislang laufen nur Feldtests - dabei tauchen immer wieder Probleme auf. Es gebe noch viele Unwägbarkeiten, sagt HEA-Geschäftsführer Jörg Zöllner, so ließen Standfestigkeit und Wirkungsgrad zu wünschen übrig. Die Folge: Die Markteinführung verzögert sich. "Die ursprünglichen Planungen haben sich um rund fünf Jahre verschoben", sagt Kübler. "Das sorgt in der Branche für Verunsicherung."

Es hakt nicht nur an der Technologie selbst, auch die Versorger müssen noch zahlreiche Fragen klären. Die Unternehmen müssen völlig neue Vertriebsmodelle erarbeiten. Jahrzehntelang haben sie zentral in Großkraftwerken erzeugte Energie an die Kunden geliefert, mit der Brennstoffzelle würden Wärme und Strom vor Ort erzeugt. Kooperationen mit Herstellern und Handwerkern als Vertriebs- und Servicepartner müssen ausgelotet werden. Probleme dürfte es auch für die Netzbetreiber geben. Wenn Hunderttausende Kleinkraftwerke überschüssigen Strom ins Netz speisen, wird es schwierig, die Spannung gleichmäßig zu halten.

Ob Eon, RWE oder Energie Baden-Württemberg (EnBW) - alle großen Versorger engagieren sich in Brennstoffzellenprojekten. RWE hat schon vor Jahren eine eigene Betriebseinheit gegründet - RWE Fuel Cells. Dort gibt man sich optimistisch: "Die Brennstoffzelle kommt definitiv - wenn auch nicht so schnell wie gedacht", sagt eine Sprecherin.

Mit besonderem Engagement treiben die Gasversorger das Projekt voran. Die Ruhrgas und die Verbundnetz Gas AG (VNG) haben gemeinsam mit dem Oldenburger Regionalversorger EWE und der Mannheimer MVV Energie AG im Jahr 2001 einen Initiativkreis gegründet. Die Gaskonzerne erhoffen sich von der neuen Technik einen zusätzlichen Absatzkanal. Brennstoffzellen brauchen zum Betrieb Wasserstoff, und der lässt sich aus Erdgas gewinnen, das ohnehin in viele Haushalte geliefert wird. "Bis man regenerativ erzeugten reinen Wasserstoff in großen Mengen zu konkurrenzfähigen Preisen zur Verfügung hat, werden noch Jahrzehnte vergehen", sagt Michael Koschowitz, der das Brennstoffzellenprojekt bei der Ruhrgas leitet.

Gas ist der Energieträger mit dem höchsten Wasserstoffanteil und schon jetzt verfügbar. Das Erdgas wird im so genannten Reformer zu einem wasserstoffreichen Gas aufbereitet. Im Gegensatz zu Autos, für die reiner Wasserstoff benötigt wird, genügt bei den stationären Heizungsanlagen schon ein Wasserstoffanteil von 40 % bis 80 %.

Die Ruhrgas sieht wie die meisten Konzerne einen Hauptabsatzmarkt bei Haushalten und Kleinverbrauchern. Bei Industriekunden wird die dezentrale Energieerzeugung schon längst praktiziert. "Da ist die Konkurrenz durch andere Techniken groß", sagt Koschowitz. "Bei den Privathaushalten liegt ein großes Absatzpotenzial vor." Hier konkurriert die Brennstoffzelle mit dem Heizkessel und dem Strom aus der Steckdose.

Die Verkaufsargumente sollen ökologisch sauberer und leiser Betrieb und hoher Wirkungsgrad sein. "Die ersten Kunden werden umweltbewusste und technikaffine Haushalte sein", schätzt Energieexperte Kübler. "Die Frage ist, ob es darüber hinaus einen Massenmarkt gibt." Das müsse sich in den nächsten vier bis fünf Jahren herausstellen, sagt HEA-Geschäftsführer Zöllner. "Die Brennstoffzelle hat ein sehr, sehr großes Potenzial", so sein Fazit. "Es besteht aber nach wie vor die Gefahr, dass sie scheitert."

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