Aktuelle Zahlen deuten Trendwende an
Britische Industrie schöpft langsam Hoffnung

Ausgerechnet das größte Sorgenkind der britischen Wirtschaft sorgt für gute Nachrichten: Der jüngste Produktionsanstieg im verarbeitenden Gewerbe nährt Hoffnungen, dass die lange Durststrecke bald überwunden sein könnte. Schon fürchten einige, dass die Bank of England den Aufschwung abwürgen könnte.

LONDON. Anlass zum Jubeln besteht wahrlich nicht. Als aber das britische Amt für Statistik kürzlich die aktuellen Zahlen zur Industrieproduktion veröffentlicht hatte, ging ein Seufzer der Erleichterung durch das Land. Endlich etwas Positives in dem seit Jahren gebeutelten Bereich: Das verarbeitende Gewerbe, mit mehr als 80 % wichtigster Block der Industrieproduktion, konnte im Februar 0,4 % mehr als im Vormonat produzieren. Damit taucht zum ersten Mal seit einem halben Jahr im Monatsvergleich ein Pluszeichen in der Statistik auf.

Zwar rutschte die gesamte Industrie - neben den in der Grafik aufgeführten Bereichen kommen Versorger- und Minenproduktion dazu - wegen des geringen Energieverbrauchs in einem warmen Monat um 0,2 % weiter ab. Dennoch beherrscht nun eine Schlüsselbotschaft die Märkte: "Das ist das Ende des Abstiegs in diesem Sektor." So formuliert es etwa Adam Law, Analyst bei Barclays Capital. Er glaubt, dass Großbritannien mit einem Monat Verzögerung dem europäischen Trend folgt: In Euroland blieb die Industrieproduktion im Januar zwar "nur" auf dem Vormonatsniveau. Die Vorleistungsgüterproduktion aber, eine Art Frühindikator für die Industrie, stieg erstmals seit längerer Zeit wieder an, und das gleich um satte 1,1 %. "In Euroland haben wir die Talsohle gesehen", sagt seitdem die Euroland-Analystin Gabriele Widman von der DGZ-DekaBank.

In Großbritannien zählt dabei die Psychologie der Daten weitaus mehr als ihre wahre Bedeutung. Tatsächlich nimmt die Industrieproduktion längst einen geringeren Stellenwert als früher ein. Der gesamte Bereich liefert mit gut 12,5 % aller britischen Arbeitskräfte weniger als ein Drittel der täglichen Produktion. Weitaus wichtiger ist mit zwei Dritteln der Dienstleistungssektor. Der konnte die britische Wirtschaft zudem vor allzu rezessiven Tendenzen bewahren.

Die Industrieproduktion ist aber immerhin noch so stark, dass seit Veröffentlichung der neuesten Zahlen Zinsspekulationen neue Nahrung bekommen haben. Angesichts des boomenden Häusermarktes und ausgabefreudigen Verbrauchern dürfte sich die Bank of England nach den drastischen Zinssenkungen der vergangenen 12 Monate fragen, ob sie nicht langsam diesen Pfad verlässt. Zu "mehr als 50 %" hält Law eine Zinserhöhung bereits im Mai für wahrscheinlich.

Doch das könnte das zarte Pflänzchen Hoffnung - der Industrieverband erwartet nur eine "langsame Erholung" - zertreten. "Die Bank sollte sehr vorsichtig vorgehen", sagt Jonathan Loynes von Capital Economics. Der Sektor liegt mit einem im Jahresvergleich um 5,1 % niedrigeren Output am Boden, vor allem auf Grund der Schwäche des verarbeitenden Gewerbes. Die Gründe sind bekannt: Das im Vergleich zum Euro zu starke Pfund verhagelt der Export-Industrie - rund die Hälfte der Güter gehen ins Ausland - seit Jahren das Geschäft. Der Zusammenbruch der Dot-Com-Hysterie erschütterte die Produzenten von elektrischem und optischem Zubehör und damit einen Kernbestandteil des Gewerbes. Schließlich leidet die Branche nach Ansicht von Loynes außerdem noch daran, dass sie in den Zeiten besserer Wechselkurses zu wenig vorgesorgt hat: "Die britische Industrie ist heute weniger konkurrenzfähig als zu irgendeiner Zeit seit den 80er Jahren."

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