Aktueller Entwurf eines freiwilligen Regelwerks zielt in die richtige Richtung
Ehrenkodex für Analysten und Journalisten lässt noch viele Fragen offen

Der geplante Ehrenkodex für Aktienexperten und Medienvertreter macht Sinn - trotz vieler offener Fragen. Zwar schützt ein solches Regelwerk die Privatanleger weder vor rosarot gefärbten Aktientipps noch vor Kursverlusten. Doch das Projekt der Staatssekretärin Margareta Wolf im Bundeswirtschaftsministerium kann etwas mehr Transparenz schaffen und den Blick für Interessenkonflikte am Kapitalmarkt schärfen. Beides würde die deutsche Aktienkultur ein Stück voranbringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

DÜSSELDORF. Dabei geht es weniger um neue Vorschriften. Vielmehr sollte der Ehrenkodex bestehende Regeln in Verbänden, Banken und Verlagen unter einem Dach bündeln. Der Erfolg des Projekts hängt von zwei Kriterien ab: Möglichst viele Betroffene müssen mitmachen, und die Regeln müssen verbindlich sein. Nur dann kann der kürzlich als Entwurf vorgelegte Kodex zum Markenzeichen für Transparenz werden. Und nur dann erleiden "schwarze Schafe", die das Regelwerk ignorieren, einen Wettbewerbsnachteil.

Greift dieser Mechanismus nicht, dann könnte der freiwillige Kodex später doch in einem Gesetz münden. Es wäre nicht das erste Mal: Beim Insiderhandel scheiterte zuletzt der Versuch einer Selbstregulierung. Am Ende griff der Gesetzgeber ein. Diese Erfahrung verstärkt den Erfolgsdruck beim Ehrenkodex. Denn den Betroffenen dürfte eine freiwillige Richtlinie allemal lieber sein als eine staatliche Vorschrift.

Bei der jetzt anstehenden Überarbeitung des Entwurfs sind zwei Fragen entscheidend: Wie sieht die Kontrolle aus? Und: An wen soll sich der Kodex richten? Die erste Frage könnte sich bald klären. Zwar hat das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe), das die Überwachung unterstützen soll, rechtliche Bedenken angemeldet. Doch BAWe-Chef Georg Wittich will sich durchaus beteiligen, falls er ein solides Mandat erhält. Die vorgesehenen Strafen von bis zu 50 000 Euro für Einzelpersonen und 500 000 Euro für Institutionen klingen beeindruckend. Sie üben jedoch ohne wirksame Kontrolle keinen Druck aus. Hierzu hat die Wertpapieraufsicht das nötige Fachwissen und die Reputation.

Weit schwieriger wird die Diskussion über den richtigen Adressatenkreis. Derzeit spricht der Kodex-Entwurf drei sehr unterschiedliche Gruppen an: Analysten, Journalisten und Anbieter von Diskussionsforen im Internet. Im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen bisher die Analysten. Deren Vertreter befürworten das Projekt inzwischen. Überzeugungsarbeit muss Grünen-Politikerin Wolf noch beim Deutschen Presserat leisten, der auf die grundgesetzlich geschützte Pressefreiheit pocht.

Zu klären ist auch, ob Firmenvorstände und deren Investor-Relations - Manager eingebunden werden. Denn auch sie äußern sich zum Aktienkurs. Ob ein gemeinsamer Kodex für alle Gruppen Sinn macht, muss die Diskussion mit den Betroffenen zeigen.

Was bringt der Kodex nun konkret? Analysten sollen künftig angeben, ob ihr Arbeitgeber geschäftlich mit den genannten Firmen verbunden ist. So erfahren Anleger, ob eine Bank am Börsengang des Unternehmens verdient hat, dessen Aktie sie empfiehlt. Diese Information ist wichtig. Denn Konsortialbanken bewerten "ihre" Firmen im Schnitt positiver als andere Institute.

Zudem wendet der Kodex sich gegen die brisante Kombination von Analyse und Handel. Beide Jobs vertragen sich schlecht: Der eine verlangt Objektivität, beim anderen geht es um Verkaufsförderung. Daher verlangt der Kodex die Trennung von Handel und Research, die ohnehin bei vielen Banken vorgeschrieben ist.

Auch soll bei jeder Veröffentlichung auf das Risiko einer Anlageform hingewiesen werden. Was banal klingt, berührt nach dem Absturz vieler Dotcoms einen heiklen Punkt. Das zeigen die Pläne mehrerer Banken, den Risikoaspekt in ihren Analysen stärker herauszuarbeiten. Für Journalisten ist der Risikohinweis eine handwerkliche Grundregel, die aber nicht immer eingehalten wird. Es schadet daher nicht, sie in den Kodex aufzunehmen.

Allerdings enthält der vorliegende Entwurf auch einige problematische Vorschriften. So sollen die Unterzeichner etwa stets angeben, ob sie genannte Wertpapiere selbst in nennenswerter Menge besitzen. Anleger sollen damit auf mögliche Eigeninteressen aufmerksam werden. Aber wollen Zeitungskäufer wirklich unter jedem Artikel über Daimler-Chrysler lesen "...und überdies besitzt der Autor Daimler-Aktien im Wert von 7000 Euro"? Beim Handelsblatt müssen Redakteure ihren Aktienbesitz bei möglichen Interessenkonflikten gegenüber dem Arbeitgeber offen legen. Diese Regel erfüllt den gleichen Zweck und erscheint praktikabler.

Fazit: Das Projekt eines freiwilligen Ehrenkodexes ist auf dem richtigen Weg. Aber bis zum Ziel müssen die Initiatoren noch viele Stolpersteine aus dem Weg räumen.

Strengere Regeln bieten keinen Schutz vor Verlusten, aber mehr Transparenz.

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