Alain Joly wechselt an die Spitze des Aufsichtsrats von Air Liquide
Alain Joly: Der Endspurt des Marathon-Manns

Stabwechsel beim Flaggschiff der französischen Industrie: Am Mittwoch, auf der Hauptversammlung, übergibt Konzernchef Joly das Amt an seinen 20 Jahre jüngeren Nachfolger.

PARIS. "Ein Unternehmen ist nicht das Werk eines Mannes, sondern wie ein Staffellauf", sagt Alain Joly. Am Mittwoch nimmt sich der Vorstandschef des französischen Industriegaseherstellers Air Liquide selbst beim Wort. Nach 16 Jahren übergibt der 63 Jahre alte Manager die Führung des Konzerns an seinen 20 Jahre jüngeren Nachfolger. Joly übernimmt den Vorsitz im Aufsichtsrat.

Benoît Potier, bislang schon für das Tagesgeschäft verantwortlich, ist erst der fünfte Vorstandschef in der fast hundertjährigen Geschichte von Air Liquide. Joly hat dafür gesorgt, dass bei Potier keine Kronprinz-Gefühle aufkamen. "Er hat mir immer neue Positionen angeboten, wenn ich es gerade überhaupt nicht erwartete", sagt der neue Konzernchef über seinen Mentor. "An seiner Seite hatte man stets das Gefühl, einen Marathon zu laufen - aber mit der Geschwindigkeit eines 100-Meter-Sprints."

Seine Mitarbeiter in der Konzernzentrale in Paris beschreiben Joly als äußerst fordernd. "Man hat eine Aufgabe noch nicht ganz erledigt, da gibt er einem schon die nächste", berichtet einer.

Selbst in den traditionell eher diskreten Pariser Wirtschaftskreisen gilt Joly als scheu. So steuert er seine Ziele selten direkt an. "Er ist bedächtig und hartnäckig", meint ein Mitglied des Aufsichtsrates von Air Liquide. Gefällt Joly ein Vorschlag nicht, sagt er so lange Nein, bis sein Gegenüber zurücksteckt.

Alain Joly stieß 1962 eher zufällig zu Air Liquide. Auch er selbst dachte damals wohl nicht im Traum daran, dass er einmal eines der Flaggschiffe der französischen Industrie präsidieren würde. "Ich hatte keine Ahnung, was das Unternehmen eigentlich machte. Aber Air Liquide war eine international tätige Gruppe, und ich konnte dort Projekte leiten", erinnert er sich.

Kurz darauf wurde der reisefreudige Ingenieur nach Kanada entsandt. Sechs Jahre leitete er die dortige Filiale des Konzerns. "Erst da habe ich mein Handwerk gelernt", sagt er. Denn das Industriegase-Geschäft ist kapitalintensiv und zyklisch. Die riesigen Investitionen werfen erst nach Jahren stetige, aber niedrige Erträge ab.

Joly beherrscht die Kunst, die konjunkturellen Risiken richtig einzuschätzen, wie kaum ein anderer. Doch er bleibt bescheiden. Kein Mensch interessiere sich für einen Zug, der pünktlich ankomme. "Es ist aufregender, über einen Zug zu sprechen, der entgleist ist oder die Schallgeschwindigkeit durchbrochen hat."

So hat Joly Air Liquide seit seinem Amtsantritt 1985 in kleinen Schritten umgeformt, ohne dass Öffentlichkeit und Politik groß Notiz davon nahmen. Er trieb den behäbigen Konzern in neue Geschäftsfelder. Ein Fünftel ihres Geschäftes macht die Gruppe heute mit Spezialanwendungen für Kliniken oder High-Tech-Labors. Außerdem forcierte Joly die internationale Expansion, deretwegen Air Liquide heute drei Viertel des Umsatzes außerhalb Frankreichs erwirtschaftet. Dabei erlitt Joly die wohl schmerzlichste Niederlage seiner Karriere. Im Sommer 2000 zerschossen die US-Kartellbehörden seinen Plan, den Konkurrenten BOC zu übernehmen. Weltmarktführer Air Liquide fällt es inzwischen schwer, zuzukaufen, ohne dass die Wettbewerbshüter Alarm schlagen.

Das hatte wohl auch Suez-Chef Gérard Mestrallet im Hinterkopf, als er Joly in diesem März unter vier Augen anbot, beide Konzerne zu einem Rundumversorger für Industriekunden zusammenzuschließen. Joly lehnte brüsk ab, ohne sich das Angebot näher anzusehen. Mestrallets Vorschlag hatte die Kontinuität bei Air Liquide in Gefahr gebracht, als deren Wahrer sich Joly sieht.

So trauen viele in Frankreichs Wirtschaft dem top-fitten passionierten Segler Joly auch zu, aus dem Aufsichtsrat noch lange die Fäden im Unternehmen zu ziehen. Er selbst hat sich dazu nicht geäußert. Doch immerhin hat der Mann, der von sich selbst sagt, er spreche nicht gerne über sich, schon verkünden lassen, wie er von morgen an die vermehrte private Zeit nutzen will: Mit seiner Frau und den drei erwachsenen Kindern auf seinem Boot, das bisher viel zu oft in einem Hafen in der Süd-Bretagne vertäut liegt, und auf Reisen.

Außerdem will er wieder häufiger Gastvorlesungen vor Studenten der Pariser Wirtschaftshochschulen halten. Auch nach dem Stabwechsel mag Joly nicht stehen bleiben.

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