Albanien - Die Rebellen laufen einem Trugbild hinterher
Weiter Weg zur Einheit

BUDAPEST. Seit Beginn der bewaffneten Überfälle albanischer Extremisten in Südserbien und im Nordwesten Mazedoniens geistert der Begriff "Groß-Albanien" durch Berichte und Politikerreden. Die Rebellen, so heißt es, wollen alle albanischen Siedlungsgebiete auf dem Balkan in einem Staat zusammenfassen. Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer warnte davor, dass sich weitere Teile der albanischen Bevölkerung dieser Forderung derRebellen anschließen könnten.

Bei genauerem Hinsehen erweist sich "Groß-Albanien" als Trugbild, denn die Albaner sind bis heute eine zersplitterte Nation, die nur durch einen losen Zusammenhalt gekennzeichnet ist. So herrschen große Unterschiede in Sprache und Lebensweise. Neben der muslimischen Mehrheit gibt es auch Albaner orthodoxen und katholischen Glaubens. Schon als in den Jahren 1912/13 ein unabhängiges Albanien geschaffen wurde, blieben mehr als die Hälfte der Albaner außerhalb der Grenzen.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens wurde das albanische Siedlungsgebiet weiter zergliedert. Heute leben Angehörige dieser Nation in mehreren Balkanstaaten. Hinzu kommen albanische Minderheiten in Bulgarien, Griechenland, Italien, in der Türkei und in der Ukraine, sowie die albanischen Emigranten in Westeuropa und den USA.

Die führenden albanischen Politiker in all diesen Ländern haben weder eine gemeinsame Strategie, noch sind sie sonderlich bemüht, ihr Vorgehen zu koordinieren. Nicht selten herrscht Streit oder zumindest gegenseitiges Desinteresse. Teilweise geht die Spaltung sogar durch die nationale Minderheit, wie die unterschiedlichen Reaktionen der Albaner in Mazedonien auf die Angriffe der Rebellen zeigen.

Die Mehrheit der Albaner in Mazedonien will keine Abspaltung oder territoriale Autonomie, sondern Gleichberechtigung mit den slawischen Mazedoniern in jedweder Hinsicht. Das gilt für Posten in den staatlichen Organen, für Präsenz in den Medien und Angebote in Bildung sowie Wissenschaft. Ihr grundlegendes Ziel ist die Anerkennung als zweites staatstragendes Volk in der mazedonischen Verfassung.

Das alles bedeutet nicht, dass die Idee von der nationalen Einheit nicht hin und wieder in den Köpfen vieler Albaner herumspuken würde. Aber daraus resultiert aktuell und mittelfristig kein politischer Wille, diese Idee durch die Schaffung eines gemeinsamen "Groß-Albaniens" zu verwirklichen. Zudem ist der existierende albanische Staat, der sich vorrangig durch Armut und Unterentwicklung auszeichnet, für viele Albaner in den anderen Ländern nicht sonderlich attraktiv.

Die albanischen Rebellen in Mazedonien wollen die Unabhängigkeit ihrer Landsleute von der slawischen Mehrheit des Landes. Und die Freischärler in Südserbien streben nach einem Anschluss der dortigen albanischen Siedlungsgebiete an den Kosovo. So droht allenfalls ein "Groß-Kosovo". Erst wenn der existierende albanische Staat demokratischer, moderner und wohlhabender geworden ist, könnte er zur Keimzelle für eine Vereinigung werden. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

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