Albert Edwards ist Chefstratege von Dresdner Kleinwort Wasserstein
Albert Edwards: Der Nostradamus der Aktienmärkte

Die Warnung vor einem angeblichen Börsencrash machte ihn über Nacht berühmt. Albert Edwards gehört zu den wenigen Anlageexperten, die klare Worte bevorzugen.

DÜSSELDORF. Bis vergangenen Freitag kannte kaum jemand außerhalb der Top-Finanzszene den Briten Albert Edwards. Das änderte sich aber schlagartig durch einen einzigen Zeitungsbericht. Darin hieß es, der Chefstratege der Investment- Bank Dresdner Kleinwort Wasserstein prophezeie einen Kurssturz an den US-Börsen um 20 Prozent für den gestrigen Dienstag.

Fernsehsender und andere Zeitungen griffen die Meldung auf. Die Pressereferenten der Dresdner Bank in London und Frankfurt schoben Überstunden, um die Gerüchte um ihren eigenwilligen Experten auch nur halbwegs zu entkräften. Denn nicht jeder Journalist machte sich die Mühe, die "Crash-Prognose" im Original zu lesen.

Nun blieb der Kurssturz gestern aus. War also alles nur blinder Alarm? Mitnichten, meint der Untergangsprophet wider Willen. "Ich habe gar keinen Crash für einen bestimmten Tag prophezeit, schon gar nicht mit Prozentangabe", betont Edwards. "Wir sagen, dass die Märkte sich in einer äußerst riskanten Phase befinden." Tatsächlich stehen in der viel zitierten Studie weder ein Datum noch die Höhe eines möglichen Kurssturzes.

Stattdessen erläutert der 40-jährige Volkswirt kurz und knapp, warum er das hochgelobte Produktivitätswunder der USA für einen statistischen Fehler hält - und US-Aktien für hoffnungslos überbewertet. Kein Zweifel, Edwards mag klare Worte. "Ich habe seit zehn Jahren keine Studie geschrieben, in der ,einerseits - andererseits stand", sagt der Leiter des globalen Anlage- und Aktienteams der Investmenttochter der Dresdner Bank nicht ohne Stolz.

Auch stilistisch kontrastieren seine Analysen scharf mit der staubtrockenen Sprache anderer Banker. So illustrierte der zweifache Familienvater Ende 1999 das groteske Börsenfieber am Beispiel seines Sohnes: Der Zehnjährige schnappe ihm morgens die Zeitung weg, um vor der Schule den Kursteil zu studieren, erzählte der Aktienguru.

Edwards kam vor zwölf Jahren zur damals noch selbstständigen Investment-Bank Kleinwort Benson. Zuvor hatte er bei der britischen Zentralbank und später im Londoner Fondsmanagement der Bank of America gearbeitet. Obwohl erst die Dresdner Bank und kürzlich die Allianz seine neuen Arbeitgeber wurden, änderte sich für Edwards wenig: Er teilt heute noch mit den gleichen Kollegen sein Büro. Eine solche Beständigkeit ist in der Londoner City sehr selten.

Unter Edwards erlebte das globale Strategieteam der Investment-Bank große Erfolge, lag aber zuweilen auch kräftig daneben. So zählten die Experten zwar zu den wenigen, die vor dem Ende des High-Tech-Booms warnten. Doch der Kassandraruf kam zu früh: Schon 1998 glaubte Edwards, die Börsen würden dauerhaft einbrechen. Danach ging die New-Economy-Hausse aber erst richtig los. Ähnlich ging es dem Nostradamus der Aktienmärkte Mitte der 90er-Jahre mit der Asienkrise.

"Unser Timing ist nicht immer glücklich, aber wir schlagen zumindest Alarm", rechtfertigt er seine Vorhersagen. Seine Studien stoßen oft auf Kritik. Einmal musste sein Arbeitgeber sogar eine Edwards-Analyse zurückziehen, weil sie die Regierung Malaysias verärgert hatte.

Bei seiner jüngsten Börsenwarnung denkt der Stratege aber nicht an Rückzug. "Wir greifen niemanden persönlich an", betont Edwards, "und dass manche mit unserer klaren Sprache Probleme haben, damit kann ich leben." Viele Kunden schätzten seinen unkonventionellen Stil, auch wenn sie anderer Meinung seien. Edwards fährt zu Terminen in London gerne mit dem Motorrad. Oft nimmt er seinen Chef Ian Hartwood mit, der die Volkswirtschafts- und Research-Abteilung leitet.

Edwards jüngster Unkenruf ist Teil eines Gesamtkonzepts, das er "Eiszeit" (Ice Age) nennt. Im Kern warnt er, den Weltbörsen drohe nach dem heißen Jahrhundert-Boom eine längere Kältephase mit sehr mageren Erträgen. Eine Ursache dafür sieht er im weltweiten Rückgang der Inflation. "Dieser Trend war bislang positiv für die Börsen", analysiert Edwards. "Aber künftig werden die negativen Aspekte der niedrigen Inflationsrate durchschlagen."

Solche Thesen halten viele Branchenkollegen für abwegig, wenngleich einige Strategen bei Morgan Stanley und JP Morgan Chase zuletzt ähnlich argumentierten.

Aber selbst wenn sie wollten, könnten sich nur wenige Banker so klare Worte wie Edwards leisten. "Man muss schon sehr etabliert sein und bei einer Bank arbeiten, die einem diesen Freiraum gibt", weiß der Chefstratege. Sonst sei der psychologische Druck zu groß, dem Gruppentrend zu folgen - und der sei nun einmal meist positiv.

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