Alessandro Profumo im Handelsblatt-Gespräch: Warum das Bankgeschäft in Italien hohe Gewinne abwirft und in Deutschland rote Zahlen produziert
Unicredito hält nichts mehr von Fusionen

Die drittgrößte italienische Bankengruppe, die aus sieben Einzelinstituten hervorgegangen ist, stellt sich neu auf. Die neue Struktur und Beteiligungen in Mittel- und Osteuropa sollen neue Gewinnrekorde bringen.

FRANKFURT/M. Die Mailänder Bankengruppe Unicredito Italiano bleibt optimistisch. Laut Vorstandschef Alessandro Profumo will die drittgrößte Bank Italiens ihren Gewinn von 1,45 Mrd. Euro auf 3 Mrd. Euro im Jahr 2004 steigern. "Unsere Marktkapitalisierung von heute 22,5 Mrd. Euro müsste bei gleich bleibenden Bewertungsmaßstäben dann bei 40 Mrd. Euro liegen", gibt sich Profumo im Gespräch mit dem Handelsblatt angriffslustig.

Selbst in diesem schwierigen Bankenjahr laufen bei Unicredito die Geschäfte rund. Mit einer Eigenkapitalrendite von 20,7 % im ersten Quartal gehört das Institut zur internationalen Spitzengruppe. Ende letzter Woche hatte Profumo bereits auf einer Handelsblatt-Konferenz gesagt, sein Haus habe in den ersten sechs Monaten dieses Jahres etwas besser abgeschnitten als im Vorjahr. Damit hebt sich Unicredito - als klassische Geschäftsbank auf das Privat- und Firmenkundengeschäft fokussiert - positiv ab von vielen ausländischen Konkurrenten.

Vor allem die hohe Risikovorsorge verhagelt den Kreditinstituten quer über den Kontinent zur Zeit die Bilanzen. Im Gegensatz dazu konnten die Italiener die entsprechenden Rückstellungen im ersten Quartal dieses Jahres sogar leicht senken. Mit einem Verhältnis zwischen notleidenden Krediten und Gesamtausleihungen von zuletzt 2,95 % übersteigt die Kreditqualität des Hauses den italienischen Durch-schnitt (4,7 %) bei weitem. Nicht zu-letzt deshalb prüft Moody's derzeit, das aktuelle Rating von Aa3 heraufzustufen.

Ein weiteres Erfolgsgeheimnis des 45-jährigen Top-Managers ist die niedrige Kostenquote von 52 Prozent. "Unsere Aufmerksamkeit für die Kostenseite ist von Besessenheit geprägt." In Europa arbeiten lediglich diverse britische Banken, wie Lloyds oder Abbey National, noch effizienter als die Italiener. Den Klassenunterschied zu den deutschen Großbanken mit ihren weitaus schlechteren Ertragszahlen führt Profumo auf mehrere Gründe zurück. Zum einen führe die Konkurrenz der Sparkassen dazu, dass die Margen geringer seien. Außerdem seien die Arbeitskosten in Deutschland zu hoch.

Schließlich gebe es unter den deut-schen Banken Geschäftsbereiche, die nicht einmal ihre Kapitalkosten ver-dienten. Ein entscheidender Struktur-unterschied sei aber auch die hier zu Lande übliche kollektive Führung durch den Vorstand. Dem steht in Italien das angelsächsische Board-System mit einem Unternehmenslenker (CEO) gegenüber. "Ein Vorstand mag ja für die Harmonie in der Bank wichtig sein, aber klare Führungsstrukturen und Verantwortlichkeiten werden verwässert," glaubt Profumo.

Das Ertragsplus der nächsten Jahre will Unicredito vor allem aus zwei Bereichen schöpfen. Zum einen hat die Bank massiv in Osteuropa investiert. Zum anderen setzt Profumo auf eine komplett neue Konzernstruktur. Die sieben einzelnen Banken der Gruppe wurden verschmolzen und werden nun in drei Säulen gegliedert: eine Retailbank mit Sitz in Bologna, eine Bank für vermögende Privatkunden in Turin und eine Bank für Unternehmen in Verona. Für dieses Modell wurde der Name "Multispezialbank" kreiert.

Von dem Umbau verspricht sich das Management eine verbesserte Kommunikation innerhalb der einzelnen Bereiche, eine effizientere Kapitalallokation sowie die Flexibilität für "strategische Schritte" der Sparten. Ein grundsätzlicher Strategiewandel sei damit aber nicht verbunden, so Profumo. Jetzt gehe es darum, sich bei Konsumentenkrediten und in der Vermögensverwaltung zu stärken. Mit der neuen Aufstellung will sich die Bank nicht zuletzt fit machen für eine Konsolidierung der Branche. Dabei will Profumo den aktiven Part spielen: "Wir sind in der Lage, zu konsolidieren und nicht konsolidiert zu werden."

Die Bank stand schon häufig im Mittelpunkt von Gedankenspielen für grenzüberschreitende Fusionen. Vor drei Jahren hatte beispielsweise die Deutsche Bank Interesse an einer Übernahme, wie Profumo jetzt bestätigte. Ähnlich lange her sind Gespräche über eine wechselseitige Kapitalverflechtung mit der spanischen Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA). Im vergangenen Jahr gab es Gespräche mit der Commerzbank über eine Fusion. Alle Versuche scheiterten allerdings am Widerstand der italienischen Anteilseigner. Heute sei er nicht mehr an der Commerzbank interessiert, betont Profumo kategorisch. Auch an weiteren Anläufen für eine internationale Fusion ist Profumo, der als einziger Banker Italiens mit ernsthaften Europa-Ambitionen gilt, derzeit nicht interessiert.

Als nicht ausgeschlossen gilt aber eine Akquisition der sechstgrößten Bank Italiens, Banca Nazionale del Lavoro (BNL). "Wenn deren Fusionsgespräche mit Montepaschi di Siena scheitern sollten, würden wir darüber nachdenken." Priorität habe aber die Umstrukturierung der Gruppe.

Im übrigen glaubt er, dass es in der Branche insgesamt "nicht sehr bald zu internationalen Fusionen" kommen werde. Von der unter anderem von Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer ins Spiel gebrachten Variante, Banken verschiedener Ländern könnten an Stelle einer Vollfusion einzelne Geschäftsfelder zusammenlegen, hält Profumo wenig. Dies wäre sehr gefährlich, weil die Bank dann die Kontolle über die Sparten verlieren würde: "Ich würde nie ein Kerngeschäftsfeld abgeben, ohne die klare Aussicht auf eine Voll-Fusion."

Große Hoffnungen setzt Profumo dagegen auf Osteuropa. Dort hat sich Unicredito bei Banken in sechs Ländern eingekauft. Damit ist die Bank einer der größten Spieler in Zentraleuropa. Nach Ansicht von Analysten birgt die Offensive zwar die Chance, an dem erwarteten Wachstum der Region teilzunehmen. Allerdings seien auch die Risiken nicht zu unterschätzen. Vergleiche mit Lateinamerika, das derzeit vielen ausländischen Banken erhebliche Probleme beschert, hält Profumo aber für überzogen. Osteuropa sei weniger riskant, da die Handelsbeziehungen eng seien und die Nähe der Region eine bessere Kontrolle ermögliche.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%