Alexander Olek ist Vorstandschef der Epigenomics AG
Schlitzohr im Forscherkittel

Alexander Olek ist Wissenschaftler und Unternehmer in einer Person. Deshalb gelingt es dem 33-Jährigen wohl auch, nach dem Ende des Biotech-Hypes Geld für Epigenomics aufzutreiben.

BERLIN. Fröhlich schwätzend räkeln sich zwei Mitarbeiter der Epigenomics AG auf den anthrazitfarbenen Sofas. An ihrer ausgelassenen Stimmung im Foyer der Firmenzentrale ändert sich nichts, als Alexander Olek eintritt. Er ist immerhin der Chef der kleinen Berliner Biotechfirma. Aber der 33-Jährige kommt an diesem Nachmittag auch nicht wie ein Vorstandschef daher. In der legeren Cordhose und im Baumwollhemd könnte der jungenhaft wirkende Unternehmensgründer mit der ovalen Brille auch als Doktorand durchgehen. Ein kurzes, freundliches Grinsen huscht über sein Gesicht, als sich der kleine Mann mit einem kurzen "Hallo" in ein Sofa plumpsen lässt, in dem er fast zu verschwinden scheint.

Der so unauffällige, aber auffallend natürliche Olek hat die Epigenomics AG trotz Branchenkrise zu einer der Vorzeigefirmen in der jungen Biotech-Szene entwickelt. Etwa die Hälfte der insgesamt 140 Mitarbeiter tüftelt und tippt in fünf Stockwerken des Neubaus im hippen Berliner Viertel Mitte. Die anderen arbeiten in einem anderen Bürogebäude in Berlin und im kalifornischen Seattle, wo der aufgekaufte Konkurrent Orca Biosciences seinen Sitz hat. Hier, in Berlin, entwickelt Oleks Forschermannschaft jene Idee weiter, deren Grundzüge der Chef seinerzeit in seiner Doktorarbeit am Berliner Max-Planck-Institut zu Papier brachte: Je nachdem, ob menschliche Zellen gesund oder krank sind, ändert sich ein bestimmtes Muster - die so genannte Methylierung - auf ihrem genetischen Code, also der DNA. Epigenomics kann diese Veränderung erkennen und beispielsweise für die Diagnose von Krebserkrankungen nutzen.

Für Olek selbst sind die Zeiten des stundenlangen Hantierens mit Reagenzgläsern vorbei. "Ich bedauere das nicht", sagt er. Er war nie der Typ, der gerne allein im Labor sitzt, um in Ruhe zu arbeiten. Lieber macht er sich auf Podiumsdiskussionen für die wirtschaftsnahe Forschung stark. "Ich war nie einer von jenen Verrückten, die nur an ihre Moleküle dachten und nie an den Geldbeutel", erklärt der Mann, den ein Investor von Epigenomics als "Schlitzohr im Forscherkittel" bezeichnet. Diese Fähigkeiten zeigte er schon früh: Während andere Jugendliche mit Zeitungaustragen ihr Taschengeld aufbesserten, jobbte Olek mit vierzehn Jahren im Labor seines Vaters, eines Professors für molekularbiologische Diagnostik in Bonn. Dessen Freund brachte ihn auf die Idee, in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires zu studieren. In Deutschland schrieb er später seine Doktorarbeit. Seitdem lebt er in Berlin, hat drei Firmen gegründet - eine davon ist Epigenomics.

Seinen Sinn für das Unternehmerische hat Olek bei der Finanzierung bewiesen. Trotz schwieriger Zeiten auf dem Kapitalmarkt sammelten er und seine Vorstandskollegen seit der Gründung der Firma 1999 rund 56 Millionen Euro ein. Außerdem hat er es geschafft, den Schweizer Pharmariesen Hoffmann-La Roche als Partner zu gewinnen. Die Kooperation, die zu den größten in der Biotech-Branche gehört, werten Marktbeobachter als Gütesiegel für seine Arbeit. Im Vorstand sitzt Olek jetzt mit fünf Kollegen. Mitarbeiter sagen, die zahlreichen Chefs kämen sich kaum in die Quere, weil die Aufgaben klar getrennt seien. In dem Sextett sieht Olek sich als den Strategen. Er ist es, der Investoren seine Ideen verkauft, damit die Diagnoseprodukte von Epigenomics ab 2006 auf den Markt kommen können.

Für besonders wichtige Termine hängt bei ihm, der legere Kleidung bevorzugt, ein Anzug an der Schranktür seines Büros. Das ist aber auch das einzige Dekor in dem halb verglasten Raum, der aussieht wie eine Durchgangsstation: Zwei halb leere Tassen Kaffee, ein paar über den Tisch verteilte Zettel zeugen von einem Zwischenstopp. Olek grinst bei diesem Anblick: "Ja, ich bin viel unterwegs." Zum Glück geht es seiner Frau ähnlich, die unweit der Epigenomics-Zentrale ein Internet-Portal für medizinische Dienste gegründet hat, das sie als Vorstandschefin leitet. Seit zwei Jahren haben sie einen Sohn. Nelson, benannt nach Nelson Mandela, soll zweisprachig aufwachsen. "Denn dann kann er sich überall bewegen", so wie die erfolgreichen Freiheitskämpfer, deren Biografien Olek gerne liest.

VITA

Alexander Olek wird am 10. August 1969 in Bonn geboren. Nach dem Abitur studiert er drei Jahre lang Mathematik in Buenos Aires, Argentinien, wo er an der Gründung eines molekulardiagnostischen Unternehmens beteiligt ist. Nach weiteren drei Jahren macht er seinen Bachelor of Science in Biochemie am Imperial College in London. Danach promoviert er am Max-Planck-Institut für Molekulargenetik in Berlin. Seit der Gründung von Epigenomics im November 1998 ist Olek Vorstandschef. Er hat in den vergangenen Jahren drei Preise als innovativer Unternehmensgründer gewonnen, etwa von Ernst &Young.

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