Alexander Popp trifft heute im Wimbledon-Viertelfinale auf den Australier Mark Philippoussis
Story beeindruckt sogar Becker und McEnroe

Die Sommersonne glitzerte aus einem tiefblauen Himmel über Wimbledon, als Alexander Popp und Helmut Lüthy am spielfreien Sonntag eine ganz besondere Besichtigungstour unternahmen.

LONDON. Andächtig still musterten der Tennisstar und sein Trainer abseits des normalen Publikumsverkehrs den Centre Court des All England Club, den schönsten Schauplatz in der Welt der Grand Slams.

Lüthy zückte nach ein paar Minuten der ruhigen, aber emotionsgeladenen Visite eine Kamera und fotografierte wie ein Tourist seinen verlegen lächelnden Schützling, der sich in seiner ganzen erhabenen Größe etwas ungelenk auf einen der uralten Holzpfeiler gesetzt hatte. Dann, beim Abgang, drehte Popp noch einmal sein Gesicht zum frisch gemähten Rasen um und sagte leise: "Was wäre das für ein Gefühl, hier einmal ein Finale spielen zu dürfen. Das muss ein Traum sein."

Seit seinem 5:7, 6:3, 6:4, 6:2-Achtelfinalsieg gegen den kleinen belgischen Renner Olivier Rochus ist Popp seinen kühnsten Wünschen buchstäblich näher gerückt: Nach vier Erfolgserlebnissen in der Randlage entfernter Tennis-Grüns spielt der Zwei-Meter-Mann aus Heidelberg in der Runde der letzten Acht gegen Hammeraufschläger Mark Philippoussis nun auf großer Bühne - als Mann, der zum zweiten Mal nach dem aufregenden Jahr 2000 ins Herz und Nervenzentrum Wimbledons vorgestoßen ist. "Es ist schon eine geile Story, die Alex da liefert", sagt Boris Becker, der dreimalige Champion im Rasenreich von London SW 19. "Was er hier leistet, ist einfach unglaublich".

Selbst Popps ausgeschiedener Kollege Rainer Schüttler, der mit dem Handicap einer leichten Oberschenkelverletzung am Montag 5:7, 4:6 und 5:7 gegen den Holländer Sjeng Schalken scheiterte, konnte wieder lächeln, als er von "der sensationellen Leistung" des Landsmannes sprach: "Für ihn ist hier nichts unmöglich. Ich hoffe, er kommt noch ein Stückchen weiter."

Das deutsche Solo für den 26 Jahre alten Popp in der zweiten Wimbledon-Woche hat inzwischen auch die versammelte Expertenschaft auf den Plan gerufen. "Philippoussis soll bloß nicht glauben, dass er dieses Spiel im Vorbeigehen gewinnen kann", sagte John McEnroe in der Tennis-Abendshow der BBC, "Popp hat die perfekten Anlagen für das Rasenspiel. Er ist ein ganz gefährlicher Mann." Philippoussis? Landsmann Pat Cash warnte vor "diesem unberechenbaren Deutschen, der Wimbledon fast so sehr wie Boris liebt und eine harte Schlacht liefern kann".

Auch Londons Massenblätter ergriffen dezent Partei für den "Beinahe-Insulaner" (Daily Mirror), der dank seiner aus Wolverhampton stammenden Mutter auch britischer Passbesitzer und somit Gelegen- heits-Untertan Ihrer Majestät Königin Elisabeth ist: "Henman gegen Alexander, den Großen - es wäre eine perfekte Verabredung im Halbfinale", schrieb Englands Ex-Tennisstar John Lloyd in einer Kolumne.

Mit seinen großartigen Vorstellungen rückte Popp auch als Gegenentwurf zu vielen rundum versorgten, verwöhnten und verzogenen deutschen Profis ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Selbst bitteres Verletzungspech und zwischenzeitlich ruinierte Aufstiegsträume hatten den unbeugsamen Heidelberger nicht in seiner Liebe zum Tennis erschüttern können. "Der Alex ist ein Stehaufmännchen", sagte Trainer Lüthy, "man sieht ihm nicht an, wie hart er sich zu quälen vermag, wie kompromisslos er immer wieder an seinen Comebacks gearbeitet hat."

Auch Lüthy hielt Popps zweiten Viertelfinaleinzug für eine "weitaus bedeutendere Leistung" als die Erfolgsserie des Jahres 2000: "Damals kannte er noch keine Enttäuschungen, keine Selbstzweifel", sagt der Coach. "Dass er jetzt wieder oben steht, ist ein Ritterschlag für ihn."

Zwei-Meter-Mann Popp kann sich heute mit unbeschwerter Leichtigkeit an sein Hand-Werk machen: "Ich werde frei drauflos spielen, mit vollem Risiko und ohne Angst." Einem Ballyhoo wie vor drei Jahren, als er sich in der Pose des "Popp-Eye" mit Messer und Gabel vor einem Teller mit frisch gemähtem Gras hatte ablichten lassen, entzog sich der Deutsche vollständig: "Ich will meine Ruhe haben", sagt Popp, der sich auf die Ankunft seiner Freundin Magdalena zum Achtelfinalduell mit Philippoussis freute. "Sie hat mir schließlich geholfen in der Zeit, als es mir schlechter ging."

Ansonsten bleibt Popps Entourage überschaubar: "Meine Eltern haben keine Zeit, nach London zu kommen. Sie müssen arbeiten."

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