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„Alle Flanken sind geschlagen“ - Netzer wird 60

Er war Lebenskünstler und Rebell, begnadeter Techniker und genialer Regisseur. Mit Günter Netzer feiert eine der schillerndsten und charismatischsten Figuren des deutschen Fußballs am 14. September seinen 60. Geburtstag.

dpa LEIPZIG. Er war Lebenskünstler und Rebell, begnadeter Techniker und genialer Regisseur. Mit Günter Netzer feiert eine der schillerndsten und charismatischsten Figuren des deutschen Fußballs am 14. September seinen 60. Geburtstag.

Der Zeitschrift "Gala" verriet der Jubilar, es werde keine große Party geben. "Meine Frau sagt, ich würde am liebsten in den Keller gehen, mir eine Decke über den Kopf ziehen, ein Lichtlein anzünden und sagen: Ich habe Geburtstag", meinte Netzer, "das entspricht meinem Naturell. Es wird in ähnlicher Art und Weise passieren."

Dieses Naturell wurde oft beschrieben und unzählige Male charakterisiert. Es gibt wohl kaum ein Attribut, das man Netzer noch nicht zugeschrieben hat, und kaum eine Anekdote aus seinem Leben, die noch nicht erzählt worden ist. Heute ist er "einer der wenigen deutschen Spitzensportler, die auch unternehmerisch erfolgreich sind", wie die "Financial Times Deutschland" einmal schrieb. Aus dem "Rebell am Ball" ist ein knallharter Geschäftsmann geworden. Er sei "immer noch die Nummer 10, die andere für sich malochen lässt", schrieb der "Spiegel".

Der ehemalige Spielgestalter ist heute nicht nur Mitinhaber der Schweizer Sportrechteagentur Infront, sondern auch einer der profiliertesten Fernseh-Kritiker der deutschen Nationalmannschaft. Gemeinsam mit ARD-Moderator Gerhard Delling erhielt er im Jahr 2000 den Adolf-Grimme-Preis - bis heute siezt sich das ungewöhnliche Duo. "Vielleicht ändern wir das zu meinem 80. Geburtstag", sagt Netzer.

Der einst von linken und intellektuellen Fußballfans zum Mythos stilisierte Netzer hat als Fernseh-Rezensent längst Kultstatus erreicht. Im Radio gibt es die Comedy-Version "Detzer & Nelling", Parodien auf das Moderatoren-Duo finden sich in zahlreichen Medien. Netzer wurde in seiner TV-Rolle auch schon heftig kritisiert. So schloss der ehemalige DFB-Teamchef Rudi Völler in seiner berühmten Wutrede von Reykjavik "Gurus" wie Netzer in seinen Rundumschlag ein. Auch mit seinem Vorwurf, Nationalspieler Michael Ballack tauge wegen seiner Vergangenheit in der DDR nicht zur Führungspersönlichkeit, schuf sich Netzer kaum Freunde.

Dabei galt er selbst nicht gerade als Vorbild. Lediglich 37 Länderspiele hat Netzer absolviert. Bei der WM 1974 kam er ganze 22 Minuten zum Einsatz. "Andere mußten jahrelang schuften, ihm genügten wenige Spiele zur Unsterblichkeit", schrieb das FAZ-Magazin. "Es ist wie bei vielen Mythen, dafür gibt es kaum eine Erklärung", sagte Netzer dem "kicker", "vielleicht ist es die Art und Weise, wie ich gelebt, wie ich Fußball gespielt habe."

Unvergessen das Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln, als er sich in der Verlängerung selbst einwechselte und beim ersten Ballkontakt den Siegtreffer zum 2:1 erzielte. Legendär das später annullierte 7:1 im "Büchsenwurfspiel" gegen Inter Mailand. Mythos bildend der EM-Sieg 1972, als einer der berühmtesten Sätze der Fußball-Geschichte geprägt wurde: "Netzer kam aus der Tiefe des Raumes."

Das allerdings wird man nicht mehr erleben, nicht einmal in Prominentenspielen. Im Gegensatz zu vielen ehemaligen Kollegen hat Netzer mit seiner Vergangenheit als Fußballer abgeschlossen. "Alle Flanken sind geschlagen", sagt er, "ich habe dieses Leben wunderbar durchlebt. Ich vermisse nichts. Ich halte es nicht für notwendig, in der alten Zeit zu leben."

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