„Alle haben an ein Wunder geglaubt“
Die Helfer für den Börsengang brauchen jetzt selbst Hilfe

Im Oktober 1999 ist die Welt noch in Ordnung: Die Börsenexperten Axel Mühlhaus und Sönke Knop sitzen in einem Frankfurter Steakhaus zusammen und malen ihre Vision auf bunte Platzdecken aus Papier. Der Neue Markt macht sich nach einer Verschnaufpause gerade wieder in Richtung 4 000 Punkte auf.

FRANKFURT/M. Mühlhaus und Knop, Redakteure beim einflussreichen Informationsdienst Platow-Brief, arbeiten an ihrer Zukunft, "an einem Teil Selbstverwirklichung", sagt Knop. Sie entwerfen ihr eigenes Baby, ihren eigenen Börsenbrief "Mainvestor". Auftraggeber ist die Berliner Gatrixx AG, die mit dem neuen Angebot auf der Welle der Aktien-Euphorie mitsurfen will und selbst den Börsengang anpeilt. Mit hohem Werbeaufwand wird der Brief im Januar 2000 gestartet, der Neue Markt hat auf seinem Weg zum Gipfel bei 8 500 Punkten gerade die 6000er-Marke passiert.

Zwei Jahre später ist der "Mainvestor" Geschichte und Gatrixx insolvent. Der Neue Markt liegt am Boden. Die Zeit, in denen Menschen wie Knop "jede Woche ein Dutzend Stellenangebote" ins Haus flatterten bis hin zu "Vorstandsposten bei Unternehmen, die heute nicht mehr existieren", ist nur noch Stoff für Anekdoten.

Einst lebte eine ganze Industrie glänzend von der Geldmaschine Neuer Markt. Banken, Makler, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte, Venture-Capital- Firmen, PR-Agenturen - sie alle verdienten am Goldrausch an der Wachstumsbörse. Heute hängen viele der Profiteure am Tropf. Die Großen wursteln sich durch, die Kleinen bleiben auf der Strecke. "Alle haben an die Wunderbörse geglaubt", erzählt Lothar Mark, Chef der Gontard & Metallbank.

Traditionsbank ging mit dem Nemax Hand in Hand

Der ehemalige Aktienhändler sah als einer der ersten im Wachstumssegment der Deutschen Börse seine große Chance. Konsequent richtete Mark die Privatbank auf das Thema "Börse" aus. 45 Unternehmen hat Mark seither an den Markt begleitet. Das Geld floss reichlich - auf dem Gipfel der Euphorie waren die Aktien der Gontard & Metallbank 850 Mill. Euro wert. Heute kämpft sie um ihr Überleben. Als die Kurse zusammenbrachen, geriet auch die Traditionsbank in den Abwärtssog.

"Die ganze Frankfurter Finanzszene hat 24 Stunden am Tag dafür gearbeitet, dass das Perpetuum mobile weiterläuft, doch das Rad begann sich zurückzudrehen", erzählt Mark. Keine Börsengänge, keine Provisionen, statt satter Gewinne ein Rekordverlust von 50 Mill. Euro für die Gontard & Metallbank.

Europa braucht eine Wachstumsbörse

Rückwärts drehte sich das Rad auch für die Net.IPO AG. Die Geschäftsidee war so simpel wie Erfolg versprechend: Vorstandschef Stefan Albrecht verkaufte Aktien über das Internet. An 23 Börsengängen war Net.IPO beteiligt, und bei Emissionen wie Tomorrow Internet oder Bücher.de glühten die Leitungen. Für ihren guten Draht zu den Privatanlegern wurden die Frankfurter im März 2001 sogar zur besten emissionsbegleitenden Bank gewählt. Doch dann ging alles sehr schnell. Im April musste Albrecht seinen Hut nehmen. Im Oktober 2001 zog sich Net.IPO aus dem Bankgeschäft zurück.

Für die Kölner Carrots AG läutete der Schlussgong vier Monate später. Die PR-Agentur sorgte etwa bei Börsengängen von Adphos und Plasma Select für den nötigen Rummel. Doch seit acht Monaten gibt es keine einzige Neuemission am Neuen Markt, für die Carrots die Werbetrommel hätte rühren können. Die Folge: Insolvenzantrag.

Doch trotz dieser Ausfälle: Wer bis jetzt durchgehalten hat, der will weitermachen. "Der Neue Markt wird überleben, Europa braucht eine Wachstumsbörse", zeigt sich Klaus Rainer Kichhoff, Chef der PR-Agentur Kirchhoff Consult, überzeugt. Auch Lothar Mark sieht keinen Grund, das Wachstumssegment abzuschreiben, im Gegenteil: "Wir haben erst 10 % dessen gesehen, was möglich ist".

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