Alle wollen Geld von Boris Becker
Nichts mehr im Nachtkastl

Das Leben danach ist anders. Komplizierter. Ärmer an Applaus. Dafür aber teurer. Weltstar Boris Becker macht nach der Tenniskarriere noch immer Schlagzeilen, selten aber positive. Beruflich und privat hat er so manches Match verloren - und Millionen dazu.

DÜSSELDORF/STUTTGART. Es war nur das dritte Programm. Robert Lübenoff aber hatte Staatstragendes über seinen wichtigsten Kunden zu sagen: "Boris Becker ist als Mythos auf diese Welt gekommen. Er wird sie auch als Mythos verlassen." Den Medienberater des Sporthelden hatte es ins Sauerland verschlagen, weil Becker, 34, in der Tennis-Bundesliga spielte. Für Blau-Weiß Sundern. Die WDR-Kameras waren aufgebaut, und Lübenoff wurde gefragt, ob die Schlagzeilen der jüngsten Vergangenheit mit mehrheitlich juristischem Inhalt der Marke BB Schaden zufügen könne. Antwort: siehe oben.

So ist das bei Becker. Er selbst und ebenso all die Leute an seiner Seite scheinen noch immer der festen Überzeugung, dass der Hauptdarsteller eines bewegten Leimener Lebens unverwundbar ist. Boris bleibt Boris, der Held bleibt der Held. Für immer und ewig - und noch etwas länger. "Schließlich hat er Deutschland viele bewegende Momente geschenkt", betont Lübenoff. Der berichtete einst als Journalist über Becker, wurde dann sein Medienberater und erzielt - wie die Wirtschaftswoche im Vorjahr errechnete - mit seiner Agentur Lübmedia einen größeren Umsatz als der Weltstar mit seinen Marketingfirmen.

Die Koordinaten haben sich verschoben

Inzwischen ist von BBM und BBI, so hießen die beruflichen Gehversuche Beckers, nicht mehr oder nur noch bedingt die Rede. Die edlen Büroräume in München wurden längst verlassen, die beiden Gesellschaften gingen offiziell in der mit dem ehemaligen Metro-Finanzchef Hans-Dieter Cleven gegründeten BCI (Becker Cleven International) auf. Beheimatet ist die Neugründung in der Schweiz, die offiziell noch verbliebene BBI und BCI firmieren unter der selben Adresse. Die Schweizer "Weltwoche" fragt bereits mit Blick auf steuerliche Beweggründe: "Hat Boris Becker die Rechte an seiner Marke in die Schweiz verschoben?"

Cleven, Vermögensverwalter von Metro-Besitzer Otto Beisheim, soll als erfahrener Manager die holprigen Business-Bemühungen Beckers in geordnete Bahnen lenken. Doch das fällt sichtlich schwer. Sein Schützling füllt nach wie vor die Titelseite der Bild-Zeitung und wirkt wie ein mit dem Schlägerrahmen getroffener Tennisball, der unkontrolliert ins Aus fliegt.

Dabei hatte Becker im März vergangenen Jahres gegenüber dem Handelsblatt noch fasziniert festgestellt: "Von Leuten wie Cleven kann ich noch viel lernen. Da halte ich auch mal den Mund und höre zu." Mag sein. Doch inzwischen haben sich die Koordinaten der Zusammenarbeit offenbar deutlich verschoben. So soll der öffentlichkeitsscheue Cleven von Becker für einen Kredit Sicherheiten in Form von Immobilien fordern. Dass der prominente Steuersünder mit dem früheren Scheinwohnsitz Monte Carlo nicht aus dem Stand flüssig ist, erscheint zumindest Lübenoff völlig normal: "Sagen sie mir: Welcher Mensch hat einfach so eine Million Euro im Nachtkastl liegen?"

Schwierige Überzeugungsarbeit

Diese Summe wird freilich nicht reichen. 6,5 Millionen Euro (Spiegel), 5,3 Millionen (Focus) und 2,5 Millionen (Bild) werden als mögliche Forderung der Finanzbehörde genannt. "Am Anfang war von 50 Millionen und zehn Jahren Gefängnis die Rede, jetzt geht es um zweieinhalb Millionen und Bewährung", kommentiert Lübenoff die Berichterstattung. Nach Informationen des Handelsblatts muss Becker in jedem Fall mit einer Verurteilung rechnen. Eine Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldbuße sei keinesfalls drin, hieß es aus Justizkreisen.

Die Anwälte sind deshalb damit beschäftigt, sich mit Staatsanwaltschaft und Gericht auf eine milde Strafe zu verständigen. "Bislang hat erst ein Gespräch stattgefunden, dass ergebnislos verlaufen ist. Die durch die Presse geisternden Zahlen sind falsch", sagte Wilma Resenscheck, Sprecherin des Oberlandesgerichts München.

Sollten Beckers Anwälte sich nun mit den Verfolgern verständigen, wird der Ex-Leimener zwar noch formal angeklagt. Das Hauptverfahren könnte sich dann aber bereits am ersten Tag erledigen. Selbst dies sei jedoch ungewiss, meint Justizsprecherin Resenscheck. "Denn dabei müssen ja auch die Schöffen mitspielen. Das Gericht braucht eine Zwei-Drittel-Mehrheit."

Bei drei Richtern und zwei Schöffen bedarf es also Überzeugungsarbeit, und die könnte schwierig werden. Denn mittlerweile hat sich die öffentliche Meinung gegen Becker gedreht. Nach einer Forsa-Umfrage ist nun schon jeder Dritte dafür, dass der Tennisstar wegen seiner Steueraffäre zu einer Haftstrafe verurteilt wird.

Sportgate verdiente sagenhafte 4 813,16 Mark

Ärger droht Becker, der zuletzt für eine indische Textilfirma modelte, auch von den Gläubigern seiner insolventen Firma Sportgate. Mehrheitsgesellschafter Becker hatte sich im Juli 2000 verpflichtet, Verluste der Firma bis zu 1,5 Millionen Euro auszugleichen. Das Minus kam schnell, das Geld nicht. Ende Mai 2001 war der auf Breitensport spezialisierte Onlinedienst pleite. "Hätte Herr Becker damals gezahlt, hätte man eine Insolvenz vermeiden können", sagt Sportgate-Insolvenzverwalter Hartwig Albers. "Auch heute würde die Summe ausreichen, alle Forderungen der Gläubiger zu erfüllen." Er habe Becker mehrfach vorgeschlagen, einen Vergleich zu schließen, sagt Albers. "Aber es kam keine Antwort." Jetzt wird geklagt. Becker hält 60 Prozent an der Firma, 40 Prozent gehören der Internetagentur Pixelpark und deren Chef Paulus Neef.

Auf der Homepage fiel der Onlinedienst lange vor allem durch innovative Rechtschreibung auf: "Sportgate wird euch noch in diesem Quartal mit aktuellen und originellen Inhalten rund um eueren Sport informieren", kündigte das Becker-Unternehmen da an. Und kaum war Sportgate zwei Monate im Netz, war auch schon Schluss. Genau 4 813,16 Mark hatte die Firma bis dahin verdient - bei monatlichen Kosten von rund 300 000 Mark.

"Boris ist beratungsresistent und muss im wahren Leben erst ankommen", sagt Helmut Thoma, ehemaliger RTL-Chef und als eine Art beratender Vorstandschef bei Sportgate aktiv. "Pixelpark und Herr Neef haben etwa sieben Millionen Euro eingebracht. Aber Boris hat sich um überhaupt nichts gekümmert - null", klagt Thoma.

Forever a star

Besser, aber auch nicht richtig gut, läuft es bei Beckers drei Mercedes-Autohäusern in Stralsund, Ribnitz-Damgarten und Greifswald. Der berühmte Boss soll hier nach Worten des vom Daimler-Konzern vermittelten Geschäftsführers Malte Hermann 16 Millionen Euro investiert haben. Im vergangenen Jahr habe man mit 145 Mitarbeitern 49 Millionen Euro umgesetzt.

Becker werde in Kürze weitere 630 000 Euro auf dem Gelände in Stralsund investieren. Hermann räumt ein, dass sich Beckers Investitionen wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation in Vorpommern nicht so schnell rentieren werden wie anfangs geplant.

In Branchenkreisen heißt es, dass die Autohäuser vor allem ein Abschreibungsobjekt gewesen seien. Und: Wenn der Name Becker nicht wäre, hätte der Daimler-Chrysler-Vertrieb längst verlangt, dass die drei Autohäuser mit anderen Filialen in der Region fusionieren. Fusionsverhandlungen mit dem Kollegen in Neubrandenburg führten vor zwei Jahren nicht zum Abschluss. Ein Verkauf, so heißt es, wäre für Becker ein Verlustgeschäft. Dabei hört sich in der telefonischen Warteschleife alles so wunderbar an. Dort sagt eine freundliche Stimme: "Boris Becker - ihr Vorteil in Vorpommern."

Medienberater Lübenoff bestätigt derweil, dass er sein Geld von Becker noch immer pünktlich erhält. Und nicht nur er: "Jeder, der es verdient hat, ist ordentlich bezahlt worden." Er habe keine Zweifel, dass dies so bleiben wird. Der große Becker, logisch, werde immer ein Großer bleiben: "Als Mythos wird man nicht über eine wirtschaftliche Zahlenwelt beurteilt."

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