Alles außer Mord
Kriminalität im Internet weiter auf dem Vormarsch

Dem Verbrechen per Mausklick stehen die Sicherheitsbehörden meist hilflos gegenüber. Egal ob Gewalt verherrlichende Inhalte, Nazipropaganda oder Kinderpornografie - außer Mord werden im weltweiten Computernetz fast alle Arten von Straftaten verübt.

ddp MÜNCHEN. Verfolgung und Strafe brauchen die Verfasser fast nicht zu fürchten. Wer seine Online-Verbrechen vom Ausland aus begeht, dem kann die deutsche Justiz nur schwerlich etwas anhaben. Dabei verhindert nicht nur das geltende Recht oftmals eine Strafverfolgung, es fehlt auch an qualifiziertem Polizeipersonal. Bayern ist das einzige Bundesland, in dem es speziell für Internet-Kriminalität ausgebildete Beamte gibt. Seit 1995 existiert im Bayerischen Landeskriminalamt die "Arbeitsgruppe Netzwerkfahndung", eine bundesweit einmalige Sondereinheit zur Ermittlung von Internet-Straftaten. Insgesamt besteht also eine Menge Nachholbedarf.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (www.dpolg.de) veranstaltet deshalb gemeinsam mit der Akademie des Deutschen Beamtenbundes (www.dbb.de) am Montag in München eine Tagung zum Thema "Kriminalität im Internet". Dem Treffen ist prominente Unterstützung sicher. Schirmherr der Veranstaltung ist Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), sein Innenminister Günther Beckstein wird die Konzepte der bayerischen Staatsregierung im Kampf gegen die Straftaten im Internet vorstellen. Große Aufmerksamkeit wird auch dem Auftritt von Jens Ohlig, Sprecher des Hamburger Chaos Computer Clubs (www.ccc.de) gewiss sein. Der Club versteht sich als Forum der Hackerszene, jedoch keineswegs vor kriminellem Hintergrund. Die Mitglieder wollen viel mehr auf die Schwachstellen der modernen Informationsgesellschaft aufmerksam machen.

Obwohl das Internet Gefahren birgt, warnt Ohlig vor immer häufigeren Forderungen nach schärferen Gesetzen. Der Hacker sieht die Freiheit des Internets in Gefahr, sollte sich die Politik unter dem Eindruck der Terroranschläge in den USA für härtere Regelungen im Online-Bereich entscheiden. Das Internet könne schließlich, wie jedes Kommunikationsmittel, für ganz unterschiedliche Dinge gebraucht werden, meint der Fachmann. "Sicher können auch Terroristen das Internet benutzen, ebenso wie Hausfrauen, Geschäftsleute, Hacker und sogar die Polizei. Jetzt nach einer Komplettüberwachung des Internetverkehrs zu rufen, würde jedoch den Geist und die Funktion des Netzes nachhaltig schädigen", sagt Ohlig.

Schäden in Milliardenhöhe

Das Internet lebe von der Freiheit, die es nach Ohligs Ansicht auch dringend zu erhalten gelte. Gegen Terrorismus und Kinderpornographie bestünden bereits genügend Gesetze, sie müssten nur konsequenter von Polizei und Staatsanwaltschaften angewandt werden, lautet seine Forderung. Das Credo des Netz-Experten: "Jetzt eine interaktive Lauschinfrastruktur zu schaffen, schadet nicht denen, die schon vorher gegen bestehende Gesetze verstoßen haben. Es schadet vor allem dem Netz als Kommunikationsplattform und stellt prinzipiell alle Netzbewohner unter einen Generalverdacht."

Klar ist dennoch, dass Internet-Kriminalität jährlich Schaden in Milliardenhöhe anrichtet. Allein Computerviren verursachen nach Schätzungen des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (www.bsi.de) in Deutschland in jedem Jahr wirtschaftliche Verluste von über einer Milliarde Mark. Darin eingeschlossen sind vor allem Verluste, die Firmen durch vermehrten Personal- und Zeitaufwand entstehen. Kaum beziffern jedoch lässt sich der Schaden, der den deutschen Privathaushalten entsteht. Wie viele Stunden nächtlicher Heimarbeit jedes Jahr nötig sind, um den eigenen PC wieder zum Laufen zu bringen, darüber gibt es nicht einmal Schätzungen. "Zentrale Meldestellen in diesen Bereichen gibt es keine", sagt Behörden-Sprecher Michael Dickkopf.

Dennoch sieht Dickkopf nicht die Politik in der Verantwortung: Es müssten im Umgang mit dem Internet einfach gewisse Grundregeln beachtet werden, die man auch bei noch so ausgefeilter Gesetzeslage nicht vernachlässigen dürfe. Wer heute von wichtigen Dokumenten keine Sicherungskopie auf Diskette ziehe, dem könne auch der Gesetzgeber nicht helfen, meint der IT-Fachmann achselzuckend.

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