Alles eine Frage der Zeit
"Venture Capital ist gut - wenn das Produkt funktioniert"

Nach zunehmenden Pleiten in der Internet-Branche bemühen sich viele junge Unternehmen vergeblich um Risikokapital. Die Gründer von Fatwire lehnten 1997 freiwillig mehrere Millionen Dollar ab - und sind froh darüber.

Mark Fasciano und Ari Kahn waren eigentlich nur zwei ganz normale Jungs, die in der Familiengarage eine Software entwickelten, mit der Unternehmen ihre Internetseiten ständig aktualisieren können. Aber im ersten Halbjahr 1997 wurde den beiden Gründern von Fatwire heftig der Hof gemacht. Schon kurz nach der Gründung 1996 hatten sie sich einen fetten Kunden geangelt: IBM. Nicht einmal ein Jahr später saßen sie einer begeisterten Abordnung von Lepercq Capital Management gegenüber, einem New Yorker Wagniskapitalfonds, der Millionen von Dollar in die beiden investieren wollte.

Es folgten monatelange Verhandlungen. Fatwire zog aus der Garage in ein schmuckloses Büro im nahen Port Washington. Die Risikokapitalgeber folgten ihnen und redeten über das ganz große Geld - einen Betrag zwischen 5 und 10 Millionen Dollar.

Die Versuchung war groß

Dann taten Fasciano und Kahn etwas Außergewöhnliches. Sie lehnten das Geld ab. "Sie sind vielleicht die einzigen Leute, mit denen ich je zu tun hatte, die zurückkamen und sagten: Wir wollen es nicht machen", sagt Michael Connelly, damals Präsident bei Lepercq. "Es war eine große Versuchung", gesteht Fasciano. "Aber wir haben uns die Sache ganz genau angeschaut und gesagt: Wir können jetzt dieses halbgare Produkt verkaufen, und am Schluss haben wir nichts als eine sehr wackelige Kundenbasis."

Der jetzt 32-jährige Fasciano glaubt, das Unternehmen wäre von den Geldgebern gezwungen worden, mit aller Macht ein Produkt zu vermarkten, das dem heutigen weit unterlegen gewesen sei. Und das zu einer Zeit, zu der der Markt dafür noch gar nicht bereit gewesen sei. Stattdessen finanzierten sie mit Beratung und einigen Verkäufen die Weiterentwicklung ihres Produkts, und machten sogar schon Gewinne.

Für Venture Capitalists stand das Marketing im Vordergrund

Die Geschichte von Fatwire erinnert Alexander Wiegand stark an die Geschichte seines eigenen Unternehmens Netsolut. Ab 1996 arbeitete der Frankfurter Informatikstudent mit seinem Kommilitonen Thomas Golob an einem Internetprotokoll, das die Bedienung von Landkarten im Internet benutzerfreundlicher macht. Nach dem Sieg beim Gründerwettbewerb Multimedia des Bundeswirtschaftsministeriums nahmen sie Anfang 1998 Kontakt zu Wagniskapitalgebern auf.

"Aber es bestand eine große Diskrepanz: Während die Venture Capitalists gleich in Marketing investieren wollten, hatten wir noch die Entwicklung der Basistechnologie zur Produktreife im Auge", erklärt Wiegand, warum sie das Geld abgelehnt haben. Während er weiter an der Technologie arbeitete, übernahm sein Partner Golob Fremdaufträge, um Geld hereinzuholen.

Ab 1999 setzen sie ihr Produkt in ausgewählten Projekten ein, etwa dem Flottenmanagementsystem von Daimler-Chrysler. Zur gleichen Zeit beteiligte sich die Eiskunstläuferin Katharina Witt, eine Bekannte von Wiegands Schwester, mit 50 000 Euro.

Begeisterung machte leichtsinnig

Als ihr Produkt Anfang 2000 endlich marktreif war, nahmen die Netsolut-Gründer erneut Gespräche zu Wagniskapitalgebern auf. "Doch just zu diesem Zeitpunkt erhielten wir ein Übernahmeangebot", sagt Wiegand. Vor lauter Begeisterung begingen die beiden jungen Gründer zwei Fehler: "Wir haben neue Leute eingestellt, und während der fünfmonatigen Verhandlungen haben wir nicht mit anderen Investoren gesprochen."

Als die Verhandlungen mit dem amerikanischen Investor im Frühjahr 2000 platzten und sich Netsolut aufs Neue nach einem Geldgeber umschauen musste, hatte die Internetbranche mit Boo.com gerade die erste spektakuläre Pleite hinter sich. Erst im Oktober - das Geld wurde langsam knapp - beteiligte sich die Union AG aus Oberursel mit 750 000 Euro an dem Unternehmen. "Ich halte es nach wie vor für richtig, dass wir gewartet haben", meint Wiegand. "Das Problem ist nur, dass wir dadurch auf einen verdorbenen Kapitalmarkt gestoßen sind."

Auch Mark Fasciano schrieb Mitte 1999 den Geschäftsplan von Fatwire neu, zog einen Anzug an und ging zu einem Forum von Wagniskapitalgebern. Zu dieser Zeit begannen Unternehmen, in Produkte zu investieren, die auf Java basieren. Fatwire hatte bei seinem "Updateengine" bereits relativ früh auf diese Computersprache gesetzt. "Wir sahen, wie sich das Marktfenster öffnete", sagt Fasciano.

Fatwire stieß bei Investoren auf großes Interesse

Am Ende seines Vortrags zeigte mehr als ein Dutzend Fonds Interesse. Im Februar 2000 schlossen die beiden Unternehmer einen Vertrag über 9,25 Millionen Dollar (10,5 Millionen Euro) mit zwei Wagniskapitalfirmen und einigen Privatinvestoren ab. "Ich glaube, es wäre kein Problem gewesen auch 20 Millionen Dollar aufzunehmen", glaubt Barry Rubenstein, Managing Partner von Wheatley Partners, dem Hauptinvestor. Aber wieder sagten die Fatwire-Gründer: "Nein, danke."

2000 erwirtschaftete das Unternehmen mehr als 11 Millionen Euro Umsatz und hofft, die Zahl in diesem Jahr verdoppeln zu können. Nachdem die Gründer die Wagniskapitalgeber an Bord genommen und die Ausgaben für Vertrieb, Marketing und Management ausgeweitet haben, ist Fatwire vorübergehend in die roten Zahlen gerutscht.

Neue Finanzierungsrunde läuft

Gerade steckt das Unternehmen in einer neuen Finanzierungsrunde. 6,8 Millionen Euro stellen Wheatley und eine weitere Risikokapitalfirma in Aussicht, und Fatwire will versuchen, von anderen Gesellschaften noch ein paar Millionen Dollar mehr zu ergattern. Fasciano lässt sich vom generellen Klimaumschwung auf seinem Geschäftsfeld nicht beirren: "Die Erwartungen an wachsende Technologie-Unternehmen sind jetzt viel vernünftiger."

Alexander Wiegand merkt schon, dass es jetzt schwerer ist, an Geld zu kommen. Dennoch hofft er, in Kürze eine weitere Finanzierungsrunde für Netsolut unter Dach und Fach zu bringen. Sein früheres Zögern will er keinesfalls als generelle Ablehnung gegen Wagniskapital verstanden wissen. "Venture Capital ist gut, wenn man gezeigt hat: Das Produkt funktioniert."

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