Alles in Frage stellen
Alternative 2: Aktienanlage in Alleinregie

Aktienempfehlungen gegen den Strich lesen und eigene Studien treiben: So können Anleger trotzdem Geld verdienen.

Anfang April meldete Dow Jones zur Aktie des niederländischen Einzelhandelskonzerns Ahold kurz und knapp: "Lehman fragt sich, ob die Aktie einen Aufschlag verdient. Sagt, die negative Stimmung werde durch den Geschäftsbericht und Bewertungsfragen verstärkt. Sagt, die Glaubwürdigkeit des Managements stehe auf dem Spiel, wenn dies so weitergehe. Setzt das Kursziel von 41 auf 35 Euro herab, aber behält die Empfehlung starker Kauf."

Dies ist ein Extrembeispiel. Aber es zeigt, dass man bei Analystenempfehlungen immer zwischen den Zeilen lesen muss: Wenn schon die Glaubwürdigkeit des Managements auf dem Spiel steht, sollte man die Aktie wirklich nicht mehr in die engere Wahl ziehen. Analysten haben aber oft geschäftspolitische Gründe, trotz einer skeptischen Einschätzung eine optimistische Einstufung beizubehalten. Mitunter verfangen sie sich auch in ihren eigenen Bewertungsmodellen: Wenn ihre Berechnung einen wesentlich höheren "fairen" Preis ergibt, als an der Börse zurzeit gezahlt wird, dann lässt sich schlecht eine negative oder neutrale Empfehlung rechtfertigen. Für den Anleger ist aber wichtig: Die Bewertungsmodelle der Analysten sind Makulatur, wenn die Eingangsdaten - etwa die Entwicklung des Mobilfunkmarktes - angepasst werden müssen.

Halten heißt Verkaufen

Profis gehen mit Analystenempfehlungen ganz nüchtern um. "Wenn die Skala von starkem Kauf bis Verkauf geht, dann kommt der Verkauf meist gar nicht vor, der starke Kauf heißt Kauf, der Kauf heißt Halten und Halten heißt Verkaufen", sagt Dirk Ropers vom Dit. Wichtiger als die Empfehlungen für die Profis sind ohnehin die Argumente. "Man braucht jemanden, mit dem man diskutieren kann", sagt Carmen Weber von Metzler. Nach ihrer Meinung lohnt es sich durchaus, die Empfehlungen anzuschauen. Die Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht.

Es gibt typische Situationen. Wenn zum Beispiel eine Aktie schon länger von vielen Analysten empfohlen wird und dann im Kurs deutlich ansteigt, wird es gefährlich: Die Luft wird immer dünner. "Sobald der erste Experte in so einer Situation seine Einschätzung zurücknimmt, ist das ein klares Verkaufssignal", sagt Weber.

Noch interessanter ist es, in ähnlicher Weise Kaufkandidaten zu finden. Hier könnte die Situation folgendermaßen aussehen: Eine Aktie hat schlechte Empfehlungen und kommt auch in der Presse nicht gut weg. Irgendwann kommt der Punkt, an dem alle negativen Nachrichten schon da waren und alles Positive noch nicht so recht zur Kenntnis genommen wird. Dann ist der Einstiegskurs da. Weber hat so Altana gekauft und damit gute Erfahrungen gemacht. Zurzeit könnte nach ihrer Einschätzung Credit Suisse eine derartige Kaufgelegenheit bieten. Anleger sollten daher nicht nur punktuell auf Empfehlungen achten, sondern bei Aktien, die sie interessieren, über einen längeren Zeitraum beobachten, was dazu veröffentlicht wird.

Wichtig auch: Die Einschätzung von Banken, die eine Aktie selbst mit an die Börse gebracht haben oder gerade eine große Kapitalerhöhung abwickeln, sollte man ignorieren. Angaben dazu finden sich in der Presse oder z.B. bei www.onvista.de unter IPO-Daten.

Nachdem die Analysten an Glaubwürdigkeit verloren haben, ist es umso empfehlenswerter, wieder verstärkt selbst zu analysieren. Aber wie? Geschäftsberichte, die wichtigste Informationsquelle der Unternehmen für ihre Aktionäre, glänzen häufig vor allem durch schöne Bilder. Vermögensverwalter Bert Flossbach rät, sich trotzdem intensiv damit zu beschäftigen: "Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, ob eine Gesellschaft wirklich informieren möchte oder nur Schlagwörter wie ?Global Player? abdruckt." Wer die Bilanz und die Gewinn-und-Verlust-Rechnung studiert, stellt schnell fest, dass manche Unternehmen ausgiebig die einzelnen Positionen erläutern, andere hingegen selbst große Kostenblöcke nicht näher aufschlüsseln.

Beachtenswerte Punkte

Flossbach nennt einige Punkte, auf die Anleger achten sollten. Besonders wichtig sind die Pensionsverpflichtungen. Wenn Unternehmen Personal abbauen, bleiben sie möglicherweise auf überdimensionierten Zusagen für Betriebsrenten sitzen. Bei US-Unternehmen kommt hinzu, dass sie manchmal die Rendite ihrer Pensionskassen sehr optimistisch einschätzen. "Wenn da acht oder zehn Prozent unterstellt werden, sollte man vorsichtig sein", meint Flossbach, der für einen längeren Zeitraum nur noch bescheidene Renditen am Aktienmarkt erwartet.

Ein anderer Punkt sind Aktienoptionen - auch hier verdienen US-Gesellschaften besondere Beachtung. Aber auch in Deutschland gibt es Firmen, die trotz Krise die Bezüge ihrer Vorstände aufstocken oder die Bezugspreise für Aktienoptionen herabsetzen, so dass sie praktisch Instrumente zur Selbstbedienung werden. Die Ratinggesellschaft Standard & Poor?s will diese Optionen künftig als Kosten einstufen: Anleger sollten darauf achten, welche Ergebniseinschätzungen S & P abgibt.

Weitere wichtige Positionen sind "sonstige" Erträge oder Kosten. Wenn sie große Dimensionen erreichen und nicht erklärt werden, ist Vorsicht geboten. Bedeutsam ist auch, dass der Konzern aufschlüsselt, aus welchen Geschäftsbereichen wie viel Prozent des Umsatzes und des Gewinns kommen. Man darf sich zwar keine Illusionen machen: Weil sich Kostenbestandteile hin- und herschieben lassen, ist die Aufschlüsselung durchaus einer kreativen Gestaltung zugänglich. Wichtig ist dennoch, dass es überhaupt eine klare Darstellung gibt. Ein genauer Blick lohnt sich auch auf Abschreibungen von Firmenwerten (Goodwill). Sie entstehen vor allem bei Übernahmen: Wenn der Kaufpreis höher war als das bilanzierte Vermögen der gekauften Gesellschaft, wird die Differenz als Firmenwert gebucht. Bisher musste dieser Wert jedes Jahr abgeschrieben werden, aber nach amerikanischer Rechnungslegung ist dies jetzt nur noch dann notwendig, wenn die gekaufte Firma an Wert verloren hat - worüber man meist streiten kann. Die Erläuterungen zu diesem Punkt sind daher die Lektüre wert. Wenn etwa ein Mobilfunkunternehmen übernommen wurde und sich später die Aussichten für diesen Markt eintrüben, fragt sich, ob der Käufer den Firmenwert tatsächlich im notwendigen Umfang abschreibt.

Fazit: Aktienanlage in Alleinregie ist richtig Arbeit.

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