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Alles «top secret»: Völler will Niederländer überrumpeln

Almancil (dpa) - 1:0 für Rudi Völler: Mit totaler Abschottung und gezielten Ablenkungsmanövern hat es der DFB-Teamchef geschafft, auch den EM-Auftaktgegner Niederlande in Rätselraten über die deutsche Taktik und Aufstellung zu stürzen.

Almancil (dpa) - 1:0 für Rudi Völler: Mit totaler Abschottung und gezielten Ablenkungsmanövern hat es der DFB-Teamchef geschafft, auch den EM-Auftaktgegner Niederlande in Rätselraten über die deutsche Taktik und Aufstellung zu stürzen.

«Vielleicht sind das die ein, zwei Prozent, die uns helfen, ein bisschen unberechenbarer zu sein». So rechtfertigte Völler die Maßnahme, sich mit seinen Spielern seit Samstag im DFB-Quartier an der Algarve zu verschanzen. Nur noch in geheimen Übungseinheiten feilt er auf dem von Polizisten streng gesicherten Trainingsplatz an seiner Überrumpelungs-Taktik, deren Clou nur ein Stürmer im Defensiv-Bollwerk sein könnte.

Hollands Bondscoach Dick Advocaat, dessen 4-3-3-System und die personelle Besetzung längst bekannt sind, konnte seine Zweifel in Albufeira nur schlecht kaschieren. «Ich bin mir ziemlich sicher, über das deutsche Team gut Bescheid zu wissen», sagte er ausweichend zum möglichen deutschen Ein-Mann-Angriff. Allerdings wusste auch Völler schon vor dem Abflug aus Faro, dass die Stunde der Wahrheit erst in Porto schlägt.

«Wie wir spielen, ist nicht so wichtig, sondern wie jeder einzelne auf dem Platz seine Qualitäten umsetzt», betonte der 44-Jährige. Völler will vor allem seinen jungen Spielern die Angst vor dem vermeintlich übermächtigen Gegner nehmen und verordnete positives Denken: «Auf das Spiel muss man sich unwahrscheinlich freuen.»

Nur in einem Punkt legten Trainer und Spieler die Karten schon am Wochenende auf den Tisch: Mit extrem aggressivem Spiel will der spielerisch unterlegene Vize-Weltmeister die individuell stärkeren Niederländer einschüchtern. Völler forderte, dass man sich in den Zweikämpfen «hundertprozentig austoben und auskotzen» müsse. Michael Ballack empfahl, bis «an die Grenze des Erlaubten» zu gehen: «Man muss alles ausreizen, um die Holländer zu beeindrucken», sagte der Mittelfeldspieler. Bundestrainer Michael Skibbe versprach gewohnt wortgewaltig: «Wir werden ihnen den Schneid abkaufen.»

Welche Trümpfe neben der Härte stechen sollen, gilt als «top secret», so Skibbe. Völler begründete den Wunsch nach Intimität beim Training sogar damit, «dass es für die Spieler angenehmer ist, nicht bei allem beobachtet zu werden. Man ist befreiter, Dinge zu tun, die nicht immer gelingen.» Selbst der 20-jährige EM-Debütant Philipp Lahm beteiligte sich an Völlers Versteckspiel, als er bei der Pressekonferenz Auskunft über seine Rolle gegen die «Oranjes» geben sollte: «Ich vermute, dass ich es weiß.»

Heiße Debatten im Quartier hat die fehlende Durchschlagskraft der Stürmer ausgelöst, auf die der persönlich betroffene Fredi Bobic bereits leicht genervt reagierte: «Auf Schuldzuweisungen habe ich keinen Bock.» Der Stuttgarter Kevin Kuranyi wird von Führungskräften wie Ballack als einzige Spitze ins Gespräch gebracht. «Das ist eine Möglichkeit, die man in Betracht ziehen muss», bemerkte der Münchner, auf dessen Torgefahr ohnehin am meisten gehofft wird. «Unabhängig davon, ob wir mit einer oder zwei Spitzen spielen werden, ist es wichtig, dass wir den Michael Ballack in Schusspositionen und Kopfball-Situationen vor dem gegnerischen Tor bringen», sagte Völler.

Mit lediglich einem Stürmer und dafür Frank Baumann als zusätzlichem Stabilisator in der Defensive könnte so eine Überzahl im Mittelfeld geschaffen werden. «Und da wird das Spiel entschieden», glaubt Ballack. Die so genannte «Wembley-Taktik» sorgte vor fast vier Jahren beim 1:0 in London gegen England für den letzten Sieg der Nationalelf gegen eine große Fußball-Nation. Eine Stärkung der Defensive wird auch von den zuletzt schwächelnden Innenverteidigern unterstützt. «Wir müssen kompakt stehen und das Spielfeld klein machen», empfahl Christian Wörns. Der Dortmunder geht fest davon aus, dass er mit dem Leverkusener Jens Nowotny das Abwehrzentrum bilden wird, auch wenn Völler Arne Friedrich auf seiner Position testete.

Das nötige EM-Feeling holten sich die Männer um Kapitän Oliver Kahn vor dem Fernseher, als sie sich die ersten EM-Spiele anschauten. «Das ist wichtig, um zu wissen: Jetzt geht es los», meinte Völler, der den Anpfiff ebenso wie seine Spieler kaum noch erwarten kann. «Man merkt es auch bei Rudi, er ist richtig angespannt», verriet DFB-Delegationsleiter Werner Hackmann.

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