Allianz
Kommentar: 2002 - größter Schadensfall für die Allianz

Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle tritt ab. Er ist damit der letzte von prominenten Persönlichkeiten an der Spitze der wichtigsten europäischen Unternehmen, die in diesen Wochen ihre Plätze räumten. Die Unternehmenslenker gehen, aber die Probleme bleiben und müssen schnell gelöst werden.

Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle tritt ab. Er ist damit der letzte von prominenten Persönlichkeiten an der Spitze der wichtigsten europäischen Unternehmen, die in diesen Wochen und Monaten ihre Plätze räumen mussten oder wollten. Dazu zählt etwa Lukas Mühlemann als Chef der Credit Suisse Group.

Die Unternehmenslenker gehen, aber die Probleme bleiben und müssen schnell gelöst werden. Nur so können die Gesellschaften an den Kapitalmärkten wieder neue Freunde für ihre Aktien finden. Welcher Vertrauensschwund zuletzt stattfand, zeigt der Fall der Allianz. Seit Jahresbeginn hat die Aktie des Versicherungskonzerns rund 60 Prozent verloren.

Zugegeben, das Jahr 2002 war extrem schwer für den Finanzdienstleister. Die Entwicklung an den Kapitalmärkten hat die Allianz wie alle anderen Versicherer massiv getroffen. Das Unternehmen ist relativ stark in Aktien und Beteiligungen engagiert. Außerdem belastet die Schadensseite die Allianz schwer, vor allem die Flutkatastrophe in Ostdeutschland.

Hinzu kommen die Probleme mit der Tochter Dresdner Bank. Hier ließ nicht nur eine Führungskrise, die schließlich im Abgang von Dresdner- Vorstand Leonhard Fischer gipfelte, die Münchener nicht zur Ruhe kommen. Angesichts eines überzogenen Kreditengagements erweist sich die Bank mit dem "grünen Band der Sympathie" (das ist bei Schulte-Noelle sicherlich nicht mehr vorhanden) als Milliardengrab. Aber nicht nur der Dresdner-Virus macht der Allianz zu schaffen. Auch in der Industrieversicherung und bei der US-Tochter Fireman?s Fund läuft es nicht rund. Alles zusammengenommen: Das Jahr 2002 wird wohl als größter Schadensfall in die Annalen der Münchener eingehen.

2002: größter Schadensfall für die Allianz

Angesichts der Probleme hatte Schulte-Noelle offensichtlich die Nase voll. Der Stoiker wollte nicht mehr als Feuerwehrmann an der Konzernspitze agieren. Ein anderer soll jetzt die Münchener auf Profitabilität trimmen. Denn erste Erfolge in der selbst verschriebenen Fitnesskur sind bei weitem nicht genug.

Das fällt einem Neuen leichter. Schulte-Noelle-Nachfolger Michael Diekmann hat als Allianz-Vorstand bereits Stallgeruch. In der Außenwirkung wenig bekannt, gilt er intern als hervorragender Mann, der hart und konsequent in seinen Entscheidungen ist, aber bei aller Härte fair bleibt. Diekmann zählt mit den beiden Vorständen Reiner Hagemann und Helmut Perlet zu den starken Leuten im Konzern. Der unerwartete Wechsel auf den heißen Stuhl kommt für ihn vielleicht zwei, drei Jahre zu früh, doch er hat angeblich das Zeug, es zu schaffen.

Als Versicherungsmann wird Diekmann sich sicher wieder auf die Wurzeln des Geschäfts besinnen. Für ihn kann es nur eine Strategie geben: Er muss das Konzept des integrierten Finanzdienstleisters weiter vorantreiben - mit aller Konsequenz. Dazu gehört auch, sich von dem Firmenkundengeschäft und dem Investment-Banking der Dresdner Bank zu trennen. Zum Vertrieb von Versicherungen werden diese Bereiche nicht benötigt und machen nur Sorgen und Probleme. Aber auch im Assekuranzgeschäft gibt es noch viel zu tun. Es gilt, die Kosten zu senken und die Provisionseinnahmen zu steigern. Angesichts niedriger Zinsen und Börsenbaisse kann und darf es keine Quersubventionen von der Anlageseite mehr geben.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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