Allianz lädt zur Hauptversammlung
Die Agenda des Herrn Diekmann

Große Ereignisse werfen in dieser Woche ihren Schatten voraus: Die Allianz hat zur Hauptversammlung geladen. Am Dienstag tritt der neue Chef des Allfinanzkonzerns, Michael Diekmann, sein Amt an. Er muss Farbe bekennen und sich den unbequemen Fragen unzufriedener Aktionäre stellen. Fragen gibt es auch zu seiner künftigen Strategie.

MÜNCHEN. Nein, ein Visionär ist er nicht. Michael Diekmann, der neue Allianz-Chef, liebt keine großen Worte. Er schwärmt nicht und wettert nicht. Wenn sich in seinem Konzern unerwartete Finanzlöcher auftun, bezeichnet er das als "störend" - allerdings mit sorgenvollem Unterton. Fragen stellt er sich am liebsten selbst, analysiert sie kühl und lässt sie dann unbeantwortet. Er legt sich nicht fest, damit niemand ihn festlegen kann.

Ob er so die Investoren davon überzeugen kann, dass die einst stolze Allianz wieder zu alter Stärke zurückfindet? Zurückhaltung hat Tradition bei den Münchenern, aber der dramatische Absturz der Aktie - in den letzten zwölf Monaten um mehr als 70 Prozent - hat die Position des Konzerns geschwächt. Morgen sieht der neue Chef sich auf der Hauptversammlung in München tausenden unzufriedenen Kleinaktionären gegenüber.

Auch die Profis wollen wissen, wie es weitergeht. "Diekmann muss deutlich machen, ob das Geld aus der jüngsten Kapitalerhöhung ausreicht und wofür er es einsetzt", sagte etwa Andrew McNulty, Analyst bei UBS Warburg. "Außerdem sollte er aufzeigen, welche Perspektiven für ihn das Bankgeschäft in Deutschland hat."

Die Agenda des neuen Chefs hat viele Punkte. Er muss - endlich - entscheiden, was mit der ewig defizitären Tochtergesellschaft Fireman?s Fund in den USA passieren soll. Er muss die Tochtergesellschaft AGF in Frankreich - eine Perle des Konzerns, die plötzlich auch schlechte Zahlen produziert - wieder auf Kurs bringen. Er muss den Vertrieb verbessern, vor allem in Ländern wie Frankreich und Italien, wo sehr viel mehr Versicherungsprodukte als in Deutschland über den Bankschalter verkauft werden.

Diekmann erbt ein Unternehmen, das in manchen Bereichen Geld verliert - etwa im Bankgeschäft. In anderen Bereichen verdient es Geld, hat aber nur eingeschränkte Wachstumschancen - zum Beispiel in der Sachversicherung, die von steigenden Preisen profitiert. Aber erfahrungsgemäß haben solche Aufwärtszyklen bald wieder ein Ende. In wieder anderen Sektoren wächst die Allianz vorzüglich - wie in der Lebensversicherung, wo die Kunden jetzt auf starke Marken setzen. Aber dort bleibt nur wenig Gewinn in der Kasse.

Legt man den Maßstab des kühlen Investors an, der sein Geld am liebsten in Bereichen angelegt wissen will, die profitabel sind und zugleich wachsen, so wundert es fast, dass die jüngste Kapitalerhöhung so glatt verlaufen ist. Sie gibt dem neuen Chef wieder das, was alle seine Vorgänger hatten: ein dickes Finanzpolster. Aber Diekmann wird nur wenig Gelegenheit haben, sich darauf auszuruhen.

Einige Fragen hat die Allianz ihren Aktionären schon beantwortet. Zum Beispiel: Das Investment Banking gehört nicht zum Kerngeschäft, könnte also verkauft werden, wenn es denn jemand haben wollte. Für andere gibt es eine Frist, innerhalb derer die Antwort fallen soll. Etwa das Industriegeschäft: Kann dieser ewig defizitäre Bereich tatsächlich profitabel gemacht werden - und zwar auf Dauer, nicht nur in Phasen steigender Preise, wie sie zurzeit spürbar sind. Dies soll bis Ende des Jahres entschieden werden. Möglicherweise ergeben sich daraus auch Konsequenzen für das Bankgeschäft.

Doch gerade in diesem Bereich wird Diekmann viele Fragen bis auf weiteres offen lassen. Was für ein Profil soll die Dresdner Bank genau bekommen? Definiert er es zu eng, etwa allein auf den Privatkundenbereich, dann bricht der Bank noch mehr Geschäft weg. Definiert er es zu weit, etwa als Universalbank im alten Stil, dann wird er unglaubwürdig, wenn er später doch unrentable Bereiche schließt.

Die Allianz ringt sich offensichtlich nicht zu einer Strategie klarer Schnitte durch. Verkäufe unrentabler Konzernteile nach dem Motto "weg mit Schaden", wie das zum Beispiel James Schiro, der neue Chef von Zurich Financial Services, vormacht, sind nicht Diekmanns Art. Er möchte lieber sanieren und dann - vielleicht - verkaufen, wenn es einen guten Preis gibt. Das Problem dabei: So muss er seine strategischen Ziele lange Zeit offen lassen.

Wenn er zu lange wartet, verliert er seinen Ruf als zielstrebiger Sanierer. Dann wirkt er wie ein Zauderer, gar nicht mehr wie ein Visionär.

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